Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...
Verbundenheit bleibt
Jetzt, nachdem Lara kräftige helfende Männerhände hatte und sie sich stabil genug fühlte, wusste Mara: Ihre Zeit auf dem Rosenhof musste hier enden. Es gab andere Dinge in ihrem Leben, denen sie sich widmen musste. Wehmütig suchte sie das Gespräch mit ihrer neuen Freundin.
Lara hatte schon damit gerechnet und war froh, dass Mara so offen auf sie zuging. Mit einer Decke bewaffnet setzten sie sich auf ihre geliebte Fillebank und die allerletzten Sonnenstrahlen meinten es noch einmal besonders gut mit ihnen.
"Ich hasse Abschiede", platzte es aus Mara heraus und Tränen kullerten ihr über die Wangen. "Für all das, was ihr für mich getan habt, gibt es keine Worte. Ich kann nur tausendmal 'Vergelt´s Gott' sagen und hoffen, dass ich dich und Luis immer mal wieder besuchen darf."
Lara nahm sie mütterlich in den Arm und meinte: "Du kommst mir nicht mehr aus! Oder was meinst du, was Karl mir erzählen würde?"
Mara schluckte. "Ja Karl! Ihm muss ich unbedingt Bescheid geben, dass ich morgen zurückfahre. Doch zuerst erzähle ich dir, was Steffi mir am Vormittag geraten hat. Ich war vielleicht etwas vorschnell, weißt du?" Mara räusperte sich umständlich. Das Gespräch fiel ihr schwer, obwohl sie wusste, dass dieser Abschied nicht für immer sein würde.
"Zuerst werde ich die künftige betriebliche Zusammenarbeit mit meiner Familie klären und Steffi bitten, als Mediatorin dabei zu sein. Die Fronten sind dahingehend ja verhärtet. Ich hoffe, meine Eltern sind damit einverstanden, zumindest rechne ich fest mit der Unterstützung meines Vaters. Zeitgleich beginne ich bei Steffi eine Therapie, um all meine seelischen Wunden, die durch die Amnesie und die Gegenüberstellung bei der Polizei aufgebrochen sind, zu würdigen, damit diese heilen können."
Forschend suchte Mara in Laras Gesicht nach einer Reaktion, doch sie sah nichts als ehrliches Interesse und Mitgefühl. Also atmete sie noch einmal tief ein, bevor sie Lara die trennende Botschaft überbrachte: "Die Ausbildung zur Bäuerin lege ich ad acta. Ich hoffe, du bist nicht zu sehr enttäuscht. Manchmal geht mein Temperament bei neuen Ideen mit mir durch. Toll wäre es jedoch, wenn ich dich bei deinen Seminaren unterstützen könnte und wer weiß, vielleicht traue ich mir dann auch eigene zu. Mit meinen Erfahrungen als Kinderkrankenschwester und Gesundheitspraktikerin, sowie mit meinem Wissen um die Heilkraft der Pflanzen hätte ich doch gute Voraussetzungen, oder was meinst du? Ich würde den Menschen gerne ein neues ganzheitliches Gesundheitsbewusstsein näherbringen. Es könnte ja sein, dass die Zukunft so etwas mit mir vorhat..."
Lara lächelte in sich hinein, während sie Mara aufmerksam zuhörte. Schließlich nickte sie und sagte liebevoll: "Das ist ein großartiger Plan, Mara. Ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst. Selbstverständlich kannst du mich in meinen Seminaren unterstützen und gerne auch neue Ideen einbringen. Du hast einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen." Jetzt verschleierten sich Laras Augen und verstohlen wischte sie sich einige Tränchen ab. Dann gingen sie ins Haus. Barry trottete ihnen nach.
Roni hatte sich schon zurückgezogen und so waren die beiden in der guten Stube unter sich. Gedankenversunken meinte Mara: "Ich kann gar nicht glauben, was in der doch relativ kurzen Zeit hier auf dem Rosenhof alles passiert ist. Nicht nur in meinem, auch in eurem Leben. Der Herzinfarkt von Luis wird sicherlich Konsequenzen haben, oder?"
Lara nickte. "Wir werden den Rat der Ärzte abwarten und dann alles Weitere mit den Kindern besprechen. Ich hoffe, dass uns Roni noch einige Zeit erhalten bleibt, sodass er uns im Winter bei den Waldarbeiten und wenn irgend möglich im Frühjahr bei der Heuernte unterstützen kann. Weiter vorauszudenken wäre unrealistisch." Lara schien gefasst und klar, die Sorgenfalte zwischen ihren Augen nahm Mara jedoch deutlich wahr. So endete Maras letzter Abend auf dem Rosenhof. Sie schrieb Karl noch eine längere Nachricht und legte sich dann schlafen.
Routinemäßig wachte sie gegen 5:00 Uhr am nächsten Morgen auf und beschloss, auch ohne Stalldienst aufzustehen. Roni und Lara waren ja jetzt das neue Rosenhofteam und das war gut so. Sie packte ihren Rucksack, zog das Bett ab und ließ bei geöffnetem Fenster ganz bewusst die spätherbstliche Morgenstimmung auf sich wirken. Ein dünner, heller Lichtstreifen am Osthorizont kündigte den neuen Tag an und die Venus als Morgenstern blitzte kurz durch eine Wolkenlücke.
Wie werde ich diese enge Anbindung an die Natur und die weite Sicht über das Tal vermissen, schoss es Mara durch den Kopf. In bewährter Methode schloss sie die Augen und verinnerlichte sich ihre Empfindungen, um diese dann abrufen zu können. Der laute Ruf eines Eichelhähers, der wohl einen Eindringling in seinem Revier vertreiben musste, holte sie Sekunden später wieder in die Gegenwart zurück.
Als Abschiedsgeschenk für Lara bereitete sie dann ein besonders fürstliches Frühstück mit Rührei, Speck und Schnittlauch zu und presste einen frischen Orangensaft. Im Bauerngarten entdeckte sie die letzten Rosen, stellte sie in eine Vase und verlieh somit dem neuen, aber ihrem letzten Tag auf dem Rosenhof eine ganz besondere Note.
"Du bist verrückt!", begrüßte Lara sie statt einem guten Morgen und drückte ihre Hände. "Danke, danke! Das und so vieles andere vergesse ich dir nie. Lass uns jetzt aber nicht zu sentimental werden und das Frühstück genießen. Wer weiß, wann ich wieder so verwöhnt werde."
Gut gestärkt ging Mara dann noch einmal in den Stall. Mit einem liebevollen Klopfen auf das Hinterteil jeder Kuh verabschiedete sich von ihren liebgewonnenen Braunen. Bei Lisa, ihrem Kälbchen, das in seiner Box friedlich schlief, verweilte sie etwas länger. Sie ließ die Geburt dieses kleinen Geschöpfes Revue passieren, streichelte ihr liebevoll über den Rücken und versprach ihr flüsternd: "Ich komme bestimmt wieder."
Dann bemerkte sie Barry, der ihr nachgelaufen war und sie mit seinen tiefbraunen Augen ansah. "Du merkst auch, dass heute ein besonderer Tag ist, oder?", sprach sie ihn an und sein Schwanz wedelte. "Na, komm, lass uns zu Lara gehen, mein Lebensretter!"
"Soll ich dich ins Dorf fahren?", fragte Lara, um die Stimmung etwas zu lockern. "Nein danke", erwiderte Mara. "Ich kenne mich gut aus und gehe an der Straße entlang. So habe ich noch etwas Zeit, mich auf meine Familie einzustellen."
Die beiden Frauen schauten sich zum Abschied tief in die Augen und jede erkannte im Gegenüber ein Meer von Zuneigung, Wertschätzung und Liebe. Dann griff Lara in ihre Schürzentasche und reichte Mara einen weißen Umschlag. "Ich habe den Auftrag, dir diesen Brief zu geben mit der Bitte, du mögest ihn erst zu Hause öffnen." In einer gut leserlichen Handschrift stand „Für Mara“, mehr nicht, kein Absender. Was das wohl zu bedeuten hatte, wunderte sich Mara, versprach aber, der Bitte nachzukommen. Dann umarmten sich die beiden, Mara schulterte ihren Rucksack, schaute noch einmal in die Runde und verließ traurig aber selbstbewusst den Rosenhof.
Von wem der Brief wohl war? Dieser Gedanke begleitete sie über den Waldweg zur Lichtung, auf der Barry sie gefunden hatte. Sie erkannte auch die Tanne wieder, ließ ihren Blick ein letztes Mal in die Weite schweifen, über das Illertal, hinein in die Allgäuer Voralpen. Dann ging sie leichtfüßig bergab. Im Dorf musste sie nur kurz auf den Bus in Richtung Stadt warten. Auf der Fahrt verriet ihr jedoch ein bekanntes Kribbeln im Bauch als leise Vorahnung, dass sich ihr Leben in eine ihr noch unbekannte Richtung entwickeln würde. Hatte dieser Brief vielleicht etwas damit zu tun? Sollte sich durch ihn alles verändern……………………?
Doch dies ist eine andere Geschichte!
Dies war der sechzehnte und letzte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Vielleicht wird es irgendwann eine Fortsetzung geben, darüber habe ich noch nicht entschieden. Ich möchte mich aber bei allen bedanken, die an diesem Projekt mitgewirkt haben. Als Raum-Öffner für das Schreiben, als Mutmacher, als Unterstützer bei den Herausforderungen, die die Veröffentlichung so mit sich gebracht hat. Und natürlich bei dir, meiner Leserin oder meinem Leser. Ich hoffe, dass du eine gute Zeit mit Mara hattest und ein paar gute Gedanken für dich mitnehmen konntest. Denn genau deswegen habe ich diese Geschichte hier veröffentlicht. Schreib mir gern einen Kommentar, welche Eindrücke du für dich mitgenommen hast.
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Liebe Margaretha,
ist Maras Geschichte wirklich schon vorbei? Ich kann es kaum glauben…Ihre Geschichte bleibt jedoch für uns mit die Hoffnung, dass es eine baldige Rückkehr und der Auflösung in dem Brief gibt. Ich würde mich sehr auf eine Fortsetzung freuen!
Herzlichen Grüße, Lydia
Liebe Lydia, Du bist, wie Du in den anderen Kommentaren sehen kannst, nicht die Einzige, die sich eine Fortsetzung wünscht. Ich werde mein möglichstes tun, um Maras Fangemeinde nicht zu lange warten zu lassen. Du wirst auf jeden Fall informiert. Ich freue mich sehr, dass Dir Maras Geschichte bisher so gut gefallen hat.
und noch einmal eine Überraschung und ein neugierig machendes offenes Ende …
oder ein Anfang? wer weiß das schon.
Ich denke an Hermann Hesse und sein Gedicht Stufen, in dem es heißt, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt … in einer zweiten, eigenen Zeile wandle ich es gerne ab: „… und jedem Abschied wohnt ein Anfang inne …“
Mit diesem Gedanken freue ich mich auf die nächste Geschichte – oder einen Teil zwei – oder, …. wer weiß das schon …
So lieb von Dir, liebe Lydia, mir Deine Gedanken im Zusammenhang mit Hermann Hesse in Deiner so herzerwärmenden Art zuzusprechen. Ja, was weiß man schon…………
Liebe Margaretha,
von Herzen Dankeschön. Dieser letzte Teil deiner Geschichte bewegt mich sehr. Es erinnert mich auch ans eigene Abschiednehmen, das so manches Mal im Leben vorkommt. Ich spüre, dass aus Abschied etwas Neues wächst, dass es in die Zukunft geht, wenn man etwas zurücklässt. Schön geschrieben und sehr berührend. Ich bin sicher, dass du weiter schreiben wirst.
Wie sollte es auch anderes sein.
Ich bin gespannt und sende dir liebe Grüße,
herzlichst, Petra
Herzlichen Dank für Deine mitfühlenden Gedanken, liebe Petra. Ein vorübergehendes Abschiednehmen von Mara ist wie ein längerer Auslandsaufenthalt. In der Fremde gesammelte Erfahrungen eröffnen neue Gestaltungsräume für einen neuen Lebensabschnitt. Die Zeit wird zeigen, was das Leben mit Mara vorhat.