Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...
Kleine Schritte
Nur langsam erfasste Lara das ganze Ausmaß von Maras Worten, als Luis wieder zurückkam, nachdem er das Telefonat beendet hatte.
"Das war Tom. Er fragt, ob er kurz vorbeikommen und mit Mara sprechen könnte. Was meinst du, Mara, fühlst du dich dazu imstande?"
Mara nickte langsam. "Ja, jetzt, da ich mich wieder an alles erinnern kann, bin ich selbstverständlich bereit, der Polizei Rede und Antwort zu stehen. Es wäre mir jedoch ein Anliegen, wenn ihr beide dabei wärt." Unsicher blickte sie erst Lara an, dann Luis.
"Das ist doch selbstverständlich", sagte Lara und Luis gab Tom Bescheid, dass er kommen könne. Lara brühte in der Zwischenzeit einen Beruhigungstee auf und stellte etwas Knabbereien auf den Tisch. Diese Kombination hatte sich als Ritual auf dem Rosenhof bei Stress-Situationen bewährt.
Als das Polizeiauto auf den Hof fuhr, schlug Barry zuerst an, begrüßte dann Tom jedoch mit Schwanzwedeln und Freudensprüngen. Die beiden waren Freunde, kam Barry doch aus einem Wurf von Toms Berner Sennhündin.
Tom stellte sich Mara vor und zeigte ihr einen Rucksack, den Mara sofort wiedererkannte. Tom ermutigte sie, nachzusehen, ob sie etwas vermissen würde, und überließ ihn ihr dann. Auf der Wache hatten sie den Inhalt schon protokolliert und somit war die Sache klar. Schwerwiegender war die Frage, ob Mara den festgenommenen Mann kannte und sie bereit wäre, ihn zu identifizieren. Dies konnte sie beim besten Willen heute nicht mehr beantworten und vertröstete Tom auf einen der nächsten Tage. Damit konnte er leben und verabschiedete sich wieder.
Der Tee schmeckte köstlich nach Zimt und Kardamom mit einer zitronigen Note. Als sie langsam ihre Tassen leerten, kamen sie in einen entspannteren Plauderton. Lara erzählte von Steffi, ihrer ehemaligen Kollegin, und dass diese als Psychologin bereit wäre, Mara bei der Bewältigung ihrer Amnesie zu helfen.
"Was hältst du davon?", wollte Lara wissen. "Steffi hat gerade ihre Praxis geschlossen und könnte kurzfristig hier sein. Eine kleine Nachricht genügt und sie kommt vorbei."
Mara konnte sich auch dazu an diesem Abend nicht mehr äußern und wollte eine Nacht darüber schlafen. Lara hatte absolutes Verständnis und wechselte routiniert das Thema in Richtung Seminarvorbereitung. Schon am Nachmittag hatte sie Maras Begeisterung besonders bei dem Punkt der Kräutermischungen und deren praktische Anwendungen gespürt. Denn neben der Astrologie und Numerologie hatte sich Mara im Laufe der Zeit viel Wissen angeeignet, allein schon deshalb, weil ihre Urgroßmutter eine bekannte Heilerin in Bad Tölz war und immer das passende Kraut wusste. Mara hatte am Nachmittag darüber erzählt und das Funkeln, das dabei in ihren Augen lag, konnte man kaum übersehen.
So nahm der Abend einen angenehmen Abschluss. Mara bedankte sich ganz besonders, dass Lara sie so aufgefangen hatte, nachdem ihre Erinnerung wiedergekommen war. Dass sich dadurch ihre Vergangenheit Bahn brach, konnte sie in diesem Moment nicht steuern und war sehr dankbar für Laras Verständnis. Die beiden Frauen umarmten sich noch einmal und Mara ging durch den Regen ins Appartement hinüber. Barry war auch in dieser Nacht ihr Beschützer.
Wie sie die Nacht überstanden hatte, wusste Mara am nächsten Morgen nicht, hatte jedoch ein ausgeschlafenes Gefühl und freute sich auf das gute Frühstück auf dem Hof. Lara hatte sich besonders viel Mühe gegeben und Rühreier mit Speck gemacht. Sogar an Schnittlauch hatte sie gedacht. So konnte der Tag beginnen.
"Konntest du einigermaßen schlafen?", fragte Lara, nachdem sie fertig gefrühstückt hatten.
"Wie ein Stein", meinte Mara und ihre Augen funkelten. Dieser Gesichtsausdruck war Lara neu, doch Mara strahlte sie an wie ein Honigkuchenpferd.
"Wollen wir noch einmal über Steffi sprechen?", meinte Lara und versuchte, in Maras Gesicht die Reaktion abzulesen. "Deine Geschichte ist ja wirklich einmalig und so unglaublich, dass ich sie gar nicht glauben möchte. Ich habe das Gefühl, dass Steffi dir nicht nur in Bezug auf die Amnesie, sondern auch bei deiner Vergangenheitsbewältigung helfen kann. Ganz sicherlich jedoch bei der Gegenüberstellung auf dem Polizeirevier."
Mara zögerte kurz, gab Lara dann aber grünes Licht für die Nachricht an Steffi. Sie vereinbarten einen Termin für den Spätvormittag und Mara war damit einverstanden. So konnten sich die beiden Frauen kennenlernen, bevor die Gegenüberstellung stattfand. Lara verständigte daraufhin Luis und dieser war sichtlich froh, dass die Angelegenheit weiter an Fahrt aufnahm. Er maß der Sache oberste Priorität bei und beraumte gleich einen Termin für den Nachmittag an. Um 15:00 Uhr sollten die Frauen im Präsidium sein.
Jetzt brauchte Mara erst einmal frische Luft. Es war zwar gut, dass alles in Bewegung kam, doch ihr feinfühliges Naturell meldete ihr eindeutige Zeichen einer leichten Überforderung. Sie kannte diesen Zustand gut, daher wusste sie, was ihr nun helfen konnte. Frische Luft und alleine sein waren erprobte Gegenmaßnahmen, um wieder in die Spur zu kommen.
Barry, der die ganze Zeit über ruhig unter der Eckbank gelegen hatte, spürte Maras Anspannung und stupste sie vorsichtig mit seiner feuchten Schnauze an, um ihr seine Begleitung zu signalisieren. Das war Mara mehr als recht. Sie wollte ins Unterholz zu den Heidelbeeren.
Mara hatte einen guten Orientierungssinn und war sich sicher, den Platz wiederfinden zu können. Lara gab ihr einen kleinen Kübel mit und war optimistisch, dass die Lese der Heidelbeeren Maras Nervensystem beruhigen würde. Eine naturbezogene Beschäftigung in frischer Luft war immer schon ihr Geheimrezept gegen mentale Überforderung.
Dann kam Lara die Idee, Steffi zum Mittagessen einzuladen und so schickte sie ihr noch einmal eine kurze Nachricht. Steffi nahm die Einladung dankend an und meinte, sie könne gleich losfahren und Lara beim Kochen unterstützen. Bei dieser Gelegenheit könnte sie mehr über die Vorgänge der letzten Tage erfahren und sich ein Bild machen, bevor Mara zurück war. Das war Lara sehr angenehm, denn immerhin hatten sich die beiden viele Jahre nicht gesehen. Sie war neugierig, wie es ihrer Bekannten ergangen war und was sie von ihrer Arbeit berichten konnte.
Barry wusste anscheinend instinktiv, wo Mara hinwollte, und legte ein ordentliches Tempo vor. Doch das war Mara gerade recht. So kam ihr Kreislauf in Schwung und sie spürte ihren Herzschlag. Das gab ihr ein gutes Gefühl. Wieder nahm sie den intensiven Waldbodengeruch wahr und füllte ihre Lungen mit der ganz besonderen Sauerstoffmischung.
Ihr Kübelchen war fast voll, als sie von weither den Stundenschlag einer Kirchenglocke vernahm und beim Zählen schon bei elf ankam. Seit sie auf dem Rosenhof war, hatte die Zeit eine ganz andere Qualität. Zwischenzeitlich fühlte Mara sich, als sei sie aus der Zeit gefallen. Dennoch machte sie sich auf den Weg zurück. Barry rannte voraus, als wolle er sie ankündigen.
Schon von Weitem sah sie das kleine, rote Auto auf dem Hof. Konnte es sein, dass Steffi schon da war? Wollte sie nicht erst am Nachmittag kommen? Mara war neugierig und beschleunigte ihren Schritt.
Tatsächlich fand sie Lara mit Steffi in der Küche beim Kochen in sehr guter Laune vor. Steffis Begrüßung und Vorstellung war sehr herzlich und Mara hatte gleich ein sehr gutes Gefühl in ihrer Nähe. Das war für sie immer ein Indiz der Authentizität Fremden gegenüber.
Lara hatte den Speiseplan geändert und war dabei, Rindsrouladen mit Blaukraut und Kartoffelpüree zu kochen. Da kamen die zwei Hände von Mara gerade recht. Sie nahm sich der Kartoffeln an und stieg entspannt in das Gespräch der beiden Frauen ein. Es sprach sich leicht bei dieser Arbeit und so erfuhr Mara von Steffis aktueller Lebenssituation, dem Tod der Mutter und der vorübergehenden Schließung ihrer psychologischen Praxis.
Umso mehr dankte Mara ihr für die Bereitschaft, ihr bei der Gegenüberstellung am Nachmittag zur Seite zu stehen. Allein der Gedanke daran ließ ihre Hände leicht zittern. Steffi bemerkte es und legte die Beobachtung in die Schublade ihres Gehirns, die sie dafür eingerichtet hatte.
Kurz darauf erschien Luis, der seinen Geruchsnerven kaum glauben konnte. Rindsrouladen? Es war doch nicht Sonntag?
Aber als er Steffi sah, war alles klar. Sie waren sich vor Ewigkeiten schon einmal begegnet und mochten sich. Luis staunte nicht schlecht, als er erfuhr, dass die drei Frauen beschlossen hatten, den Termin auf dem Polizeirevier gemeinsam wahrzunehmen und er nicht dabei sein musste. Insgeheim war ihm das sehr recht.
Wird schon gutgehen, dachte er und war, wie so oft, von der Weitsicht seiner Frau begeistert. Bei so viel Frauenpower und einem gut gefüllten Magen würde Mara die Gegenüberstellung sicher bewältigen.
Das Essen war vorzüglich und Lara hatte sogar noch eine Nachspeise in petto. Der Orangecreme konnte keiner widerstehen und Luis meinte etwas süffisant: "Also daran könnte ich mich gewöhnen!"
Mara zog sich, wie jeden der vergangenen Tage, ins Appartement zur Augenpflege zurück. Sie versprach, ihren Wecker zu stellen, damit sie pünktlich im Dorf sein konnten. Die Siesta gestaltete sich jedoch schwierig. Mara kam nicht wirklich zur Ruhe und war mit ihren Gedanken schon im Polizeipräsidium. Sie kannte sich gut genug und wusste um ihr Verhalten, wenn sie einer für sie nicht einschätzbaren Situation ausgesetzt war. Zum Glück hatte sie sich angewöhnt, Entspannungsmusik zu hören, und die entfaltete auch dieses Mal ihre beruhigende Wirkung.
So traf sie sich pünktlich und sichtlich entspannt mit Lara und Steffi zur Abfahrt...
Dies war der neunte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weiter geht es hier mit Teil 10
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