Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...
Die Entdeckung
Still und friedlich, in sanftes Nachmittagslicht getaucht, lag der Rosenhof auf der Anhöhe, als Mara nach ihren Gastgebern Lara und Luis Ausschau hielt. Mara fragte sich, ob sie wohl im Stall seien, doch von dort kam nur das leise Klappern der Hufe und das schrille Pfeifen der Schwalben, die sich langsam auf ihren Flug nach Afrika vorbereiteten.
Mara beschloss, die nähere Umgebung zu erkunden - mit Barry als Aufpasser konnte ihr ja nichts passieren. Damit sich Lara und Luis keine Sorgen um sie machen mussten, schrieb sie eine kurze Nachricht und legte diese gut sichtbar und mit einem Stein beschwert auf die Fillebank.
Herrlich war es hier! Die Gegend hatte eine ganz besondere Energie, die Mara bisher unbekannt war. Sie spürte aber, dass diese Energie einen sehr beruhigenden Einfluss auf ihre Befindlichkeit hatte. Noch nie war sie sich ihrer Körperlichkeit so bewusst gewesen, wie gerade hier und jetzt. Ein wenig seltsam fühlte sich das dennoch an. Auch darüber musste sie mit Lara sprechen, nahm sie sich vor.
Die beiden Bauersleute waren in dieser Zeit in ihrem Forst, um nach Fichten Ausschau zu halten, die vom Borkenkäfer befallen waren. Das Frühjahr und auch der Sommer waren zu heiß gewesen. So vermehrte sich dieser Schädling besonders schnell und sie mussten häufiger nach den Bäumen sehen als in den Jahren zuvor. Befallene Bäume mussten sofort gefällt und das Holz abtransportiert werden. Das war die einzige Möglichkeit die Ausbreitung einigermaßen einzudämmen.
Zudem hatten sie eine kleine Hütte in dem Einschlag, ihr heimliches Liebesnest. Darin waren immer etwas zu trinken und ein kleiner Snack deponiert. Immerhin war der Heimweg lang, mehr als eine Stunde war man von hier aus unterwegs.
Auf diese seltene gemeinsame Auszeit hatte sich Lara schon die letzten Tage gefreut, als sie beschlossen hatte, Luis in den Forst zu begleiten. Viele gute Erinnerungen hatte sie an die kleine Hütte. Mit den Kindern, klar. Aber vor allem erinnerte sie sich an die Gefühle, als sie sich, noch unverheiratet, heimlich dort trafen. Dass Mara alleine auf dem Hof war, hatten sie völlig ausgeblendet, doch als sie sich ihrer Hütte näherten und ungewöhnliche Geräusche wahrnahmen, war Mara wieder sehr präsent.
Was ging hier vor? Wie scheue Rehe darauf bedacht, keinen Laut von sich zu geben, suchten sie nach einer Möglichkeit, wie sie sich unbemerkt nähern konnten. Die Bauersleute waren sehr vertraut miteinander und brauchten nur wenige Blicke, um sich zu verständigen: Sie wollten sich in Sicht auf die Lauer legen, um die Lage besser einschätzen zu können. Lara war schon etwas mulmig zumute, doch Luis hatte, wie immer, sein Jagdgewehr dabei, was sie einigermaßen beruhigte.
Und dann sahen sie ihn! Der Mann hatte schütteres Haar, er müsste gut sechzig sein, schätzte Lara. In der Hand ein Messer, mit dem er schnitzte. Statur und Beschreibung passten genau auf die von der Polizei beschriebene Person.
Lara und Luis schauten sich nur an und verständigten sich durch Handzeichen zur Umkehr. Auf keinen Fall wollten sie sich in Gefahr bringen. Luis hatte zwar sein Handy dabei, doch in diesem Abschnitt war kein Empfang. Sie mussten so schnell wie möglich zum Waldrand, dann konnten sie die Polizei alarmieren.
Wie gut, dass Barry bei Mara war. Trotzdem ließ es Lara keine Ruhe, dass sie ihre Besucherin dort alleingelassen hatten. Sie beschlossen, dass Luis auf die Polizei wartete und Lara zurück zum Hof ging. Vorerst wollten sie Mara noch nichts von ihrer Entdeckung erzählen, denn sie wollten sie nicht zusätzlich verunsichern.
Insgeheim hofften sie natürlich, dass dieser Mann irgendetwas mit Maras Amnesie zu tun hatte und sich die ganze Angelegenheit baldmöglichst aufklären ließ. Auch wenn dies ein größerer Kraftakt werden würde. Ohne professionelle Hilfe würden sie das wohl nicht schaffen. Doch eines nach dem anderen.
Völlig außer Atem kam Lara auf dem Rosenhof an. Sie setzte sich zuerst auf die Fillebank und entdeckte sofort Maras Nachricht. Jetzt fuhr ihr noch einmal ein Schrecken in die Glieder! Hoffentlich sind sie nicht in den Wald gegangen, dachte Lara, und ein Schauer lief ihr den Rücken herunter. Mara hatte ja kein Handy mehr, wie sollte sie Hilfe holen, wenn sie welche bräuchte?
Lara atmete tief durch und schüttelte kurz den Kopf. Es wird nichts sein, sagte sie sich. Barry hat mich nicht begrüßt, er ist nicht hier. Natürlich, er hatte Mara seit ihrer Ankunft nicht aus den Augen gelassen, er würde auch jetzt bei ihr sein. Dieser Gedanke beruhigte sie etwas. Unternehmen konnte sie im Moment nichts. Was für ein Tag!
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Barry angerannt und gleich hinter ihm Mara. Gott sei Dank.
Laras Atem hatte sich normalisiert und so schöpfte Mara keinen Verdacht, dass irgendetwas vorgefallen sein könnte. Mara war mit Barry noch einmal zu der Stelle gegangen, wo Luis sie gefunden hatte. Dieses Mal hatte es sie nicht ganz so schlimm belastet wie neulich. Sie hatte zwar kurz etwas Atemnot bekommen, doch diesmal wusste sie besser damit umzugehen. So hatte sie sich mehrere Meter entfernt ins Gras gesetzt, bis sich ihr Nervenkostüm beruhigt hatte. Mit diesem Abstand konnte sie sich ihrer Amnesie gefühlsmäßig langsam nähern, auch wenn ihr das anfangs schwerfiel.
Irgendetwas musste sie tun, um ihrem Gedächtnis wieder auf die Sprünge zu helfen, auch wenn ihr durchaus bewusst war, dass sie mit Druck nichts erreichen würde. Alles, was ihr in den Sinn kam, war, dass sie sich neu sortieren wollte und deshalb aufs Land gefahren war. Doch warum gerade hierher? Sie musste ihren Kopf ganz bewusst ausschalten.
Und plötzlich sah sie ihn, ihren Baum, den sie schon seit ihrer Kindheit kannte. Er zeigte sich ihr zwar aus einer anderen Perspektive, doch die Textur seiner Krone war unverwechselbar. Sollte sie es wagen, zu ihm hinüberzugehen? Sie beschloss, es für heute gut sein zu lassen und zuerst Lara davon zu erzählen. Es wäre sicherlich besser, Lara würde sie begleiten.
Mit diesem Glücksgefühl ging sie zum Hof zurück und entdeckte Lara auf der Fillebank. Sie saß zwar recht ruhig dort, doch irgendetwas musste passiert sein. Mara hatte eine überaus gut ausgeprägte Intuition und erfasste eine Begegnung immer zuerst mit dem Gefühl. Dieses trog sie nie.
Lara war jedoch eine gute Schauspielerin, sie ließ sich vermeintlich nichts anmerken und verwickelte Mara sofort in ein Gespräch.
"Wo warst du denn, hast du die Sonne genossen?"
Mara ging auf das Schauspiel ein und erzählte von ihrem Ausflug und auch den kleinen Fortschritten. Lara war sofort begeistert und versprach, sie morgen zu ihrem Baum zu begleiten.
"Wo ist denn Luis? Müsst ihr denn nicht bald zum Melken?", wollte Mara wissen. Etwas verlegen antwortete Lara, dass er im Einschlag auf der Westseite des Waldes noch nach Käferfichten schauen wollte und dass sie gleich alleine im Stall sei.
"Was meinst du, könntest du mir vielleicht etwas zur Hand gehen? Ich leihe dir ein Stallgewand und zeige dir, wie du mich unterstützen könntest. So wie ich dich bisher kennengelernt habe, ist das für dich kein Problem, oder?"
Jetzt lag es an Mara, über ihren Schatten zu springen, ihre Vorurteile ganz schnell über Bord zu werfen und Lara zu helfen. Das war sie ihr schuldig.
"Mach ich doch glatt", antwortete sie, worauf Lara gleich aufsprang, um das Stalloutfit zu holen, bevor Mara es sich noch einmal anders überlegen konnte.
In den ersten Minuten musste Mara sich sehr zusammenreißen und ihre Nase beruhigen. Der intensive Geruch von Kuh-Exkrementen versetzte ihr Hirn in Aufruhr, doch die Handreichungen für Lara ließen ihr keine Zeit, groß darüber nachzudenken. Die Kühe kannten ihren Weg in den Melkstand und verhielten sich unaufgeregt. Lara meinte, das sei ungewöhnlich, wenn Fremde im Stall seien. Mara hatte aber weder Angst vor den Tieren, noch fühlte sie sich nervös. Das spürten die Braunen wohl.
Die Zeit verging wie im Flug und als Luis kam, waren sie schon fast fertig. Lediglich die Milchkammer musste noch desinfiziert werden. Lara sagte zu Luis, er möge sich lediglich die trächtige Kuh mal anschauen, sie hätte das Gefühl, das Kälbchen habe seine Lage verändert. Dies musste unbedingt abgeklärt werden.
Luis runzelte die Stirn, denn er hatte keine Ahnung, was Lara von ihm wollte. Sie hatten überhaupt keine trächtige Kuh im Stall. Na ja, dachte er bei sich, Lara wird sich wohl etwas dabei gedacht haben. So verschwand er Richtung Resi und tat so, als würde er vorgeburtlichen Beistand leisten. Jetzt wurde ihm klar, dass Lara noch nichts von ihren Beobachtungen im Forst erzählt hatte und vermeiden wollte, dass er sich versplapperte. Gut so!
Nachdem Luis den Polizeinotruf abgesetzt hatte, waren die Beamten gekommen und hatten den Fremden zur Befragung mit aufs Revier genommen. Da Luis´ Cousin einer der Diensthabenden war, konnte er sich kurz mit ihm unterhalten und um Benachrichtigung bitten.
Die beiden Frauen waren mittlerweile fertig und in der Ferne hörte er das Brummen des Molkereifahrzeugs. So bereitete er schon einmal alles vor, damit die Befüllung des Tankwagens zügig vonstatten gehen konnte. Lara und Mara bereiteten in der Zwischenzeit die abendliche Brotzeit vor und waren in ein angeregtes Gespräch vertieft, als Luis in die Stube kam.
Mara hatte ihr komisches Gefühl in Bezug auf Laras Verhalten schon wieder vergessen und so verlief die Abendzeit entspannt und unterhaltsam. Gegen 21:00 Uhr verabschiedete sich Mara und ging unter den strengen Augen von Barry hinüber in das Appartement. Auch diese Nacht wich er nicht von ihrer Seite.
Lara konnte ihre Neugierde kaum mehr in Zaum halten. Sobald Mara aus dem Haus war, wollte sie von Luis wissen, wie es im Wald weitergegangen war. Kaum hatte Luis angefangen zu erzählen läutete das Telefon und sein Cousin Tom war am Apparat. Luis nickte nur, ab und zu sagte er mal ja oder nein, mehr nicht. Doch seine Körperspannung verriet Lara nichts Gutes.
Tom berichtete, dass der Mann aus ihrer Hütte ein aus der Forensik entflohener Sexualverbrecher war, der schon seit einigen Monaten auf der Fahndungsliste stand. Es sei absolut richtig gewesen, vorsichtig zu sein und die Polizei zu rufen, bestätigte er. Luis nickte. Das erklärte aber immer noch nicht den Zusammenhang zu Mara. Also berichtete nun Luis seinem Cousin, dass seit drei Tagen eine junge Frau bei ihnen auf dem Hof sei und dass Barry sie gefunden habe. Er berichtete auch von Maras Zustand, der Bewusstlosigkeit, der Amnesie und von dem Verdacht, dass dies alles mit dem festgenommenen Mann zu haben könnte. Vielleicht hatte dieser Mann Mara ja sogar bedroht.
Tom riet Luis, Mara vorerst noch nichts von der Festnahme zu erzählen. Er müsse sich erst mit seinen Kollegen besprechen und würde sich dann wieder bei ihnen melden. Lara wusste nicht, ob sie darüber froh oder besorgt sein sollte. Froh, dass die Festnahme erfolgreich war und besorgt, was die Polizei möglicherweise von Mara wissen wollte. Auf gar keinen Fall durfte sie zulassen, dass Mara in eine Gegenüberstellung verwickelt wurde, solange sich die Amnesie nicht deutlich verbessert hatte.
Das Sicherste und Beste wäre wohl, einen in Amnesie geschulten Psychologen zu Rate zu ziehen. Sie musste Mara unbedingt auf diese Möglichkeit aufmerksam machen.
Doch erst einmal war jetzt Nachtruhe angesagt...
Dies war der sechste Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weiter geht es hier mit Teil 7
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Ohhhhhh, jetzt wird es richtig unheimlich. Der Mann in der Hütte + Amnesie! Ich ahne nichts
Gutes. Ich bin gespannt, ob es gut ist, dass Lara und Luis nichts sagen.
Beklemmend das alles und ich hoffe, es klärt sich in der nächsten Folge etwas auf.
Für mich fühlt es sich so an, als ob Mara nicht nur ihre Erinnerung verloren hat, sondern auch den Zugang zu etwas, was sie vielleicht nicht ertragen könnte. Ist der Mann in der Hütte dabei vielleicht weniger die Antwort, sondern der Schlüssel zu einer unangenehmen Wahrheit?
Ich bin gespannt.
Dankeschön, liebe Margaretha. Du hältst die Spannung aufrecht.
Liebe Petra,
Du hast ja interessante Gedankengänge und wie schön, dass Du Maras Geschichte verfolgst. Ja, es bleibt spannend. Lass Dich überraschen!