Blick auf den Rottachspeicher im Allgäu. Im Hintergrund der Grünten, der "Wächter des Allgäus"

Ein wertvoller Rat

von Margaretha Schedler | 18. August 2026 | 4 Kommentare

Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.

Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...


 

Mit der Ruhe kommt die Klarheit

Mara hatte noch lange nicht alle Ideen und Möglichkeiten zu Ende gedacht, da riss Lara sie aus ihrem Gedankenkarussell und verkündete, der Techniker für den Melkstand habe von unterwegs aus angerufen und er wäre gegen 14:00 Uhr da. So habe es den Anschein, dass die abendliche Stallarbeit routinemäßig ablaufen werde.

Das waren doch gute Nachrichten. Zum Mittagessen war dann auch Steffi wieder an Bord und meinte, wie gut, dass sie gerade viel freie Zeit habe, um weiterhin mithelfen zu können. Den Rosenhof im Zweimädels-Betrieb zu bewirtschaften, wäre gar nicht möglich. Damit hatte sie definitiv recht. Der Himmel schickte dann auch noch die Zusage des Bauernverbands, dass sich schon am nächsten Tag ein Hofhelfer auf dem Rosenhof melden würde.

Der Mechaniker kam pünktlich und in kürzester Zeit hatte er den Defekt der Elektronik im Schaltkreislauf des Melkstandes behoben. Die abendliche Stallarbeit konnte ihren gewohnten Gang gehen.

Beruhigt von den guten Nachrichten und der Aussicht auf ausreichend Unterstützung für Lara und den Rosenhof, fühlte Mara sich immer sicherer: Sie wollte eine Gesprächstherapie bei Steffi machen. Voraussetzung dafür war jedoch ihre weitere Lebensgestaltung. Ein Gespräch mit Lara musste endlich Klarheit schaffen. Nach dem Abendessen wollte sie mit ihr reden.

"Ich dachte schon, du weihst mich gar nicht mehr ein", eröffnete Lara das Gespräch und grinste. Mara schaute verdutzt und begriff nur Bahnhof. Was meinte Lara?

"Also, wie geht es mit euch beiden weiter? Ich sitze auf glühenden Kohlen!" Jetzt dämmerte es Mara. Die Bäuerin meinte ihre junge Liebe zu Karl.

"Woher weißt du von Karl und mir?", wollte sie wissen.

"Ach Kindchen, einer Mutter entgeht doch so etwas nicht. Außerdem konnte Karl sein Glück nicht für sich behalten." Lara zwinkerte kurz und Mara freute sich, dass sie so vergnügt war nach all dem Trubel und den Sorgen um Luis.

"So ein Früchtchen!", sagte Mara. "Ein süßes natürlich!"

Die Frauen nahmen sich in den Arm und Lara zwinkerte ihr nochmals verschwörerisch zu. "Zur Feier des gut überstandenen Tages und des jungen Glücks wäre ein Schlückchen Sekt jetzt genau das richtige, oder?" Schon war sie auf dem Weg in den Keller. Mara trank sehr selten Alkohol und hoffte, dass sie trotzdem all ihre Kopfnotizen bezüglich ihres weiteren Lebenswegs gut abrufen konnte.

So fiel sie mit der Frage direkt ins Haus: "Was hältst du davon, wenn ich eine Ausbildung zur Landwirtin mache? Mir gefällt die abwechslungsreiche Arbeit auf dem Hof ausgesprochen gut und ich könnte mir das gut vorstellen. Du hast es doch auch geschafft!"

Lara blieb die Spucke samt Sekt weg und ihr schossen Tränen in die Augen. "Das würdest du wirklich in Erwägung ziehen? Hast du dir das auch genau überlegt?"

"Ach weißt du, wenn sich meine Intuition so deutlich und mehrmals meldet, gibt es nicht mehr viel zu überlegen. Ich träume ja schon davon und meine kleine Lisa ist ganz begeistert von meinen Plänen. Mit dem kleinen Kälbchen habe ich sogar eine Wette laufen. Aber mich interessiert natürlich vor allem deine Meinung. Was sagst du dazu?"

Lara überlegte einen langen Moment, bevor sie antwortete: "Das wäre schon ein großer Einschnitt in dein bisheriges Leben, aber ich würde es dir definitiv zutrauen. Junge Bäuerinnen sind gefragt und du bringst neben einer guten Lebenseinstellung auch gute Fähigkeiten mit. Deine Spontanität und Flexibilität, dich auf unvorhersehbare Dinge einzustellen, sind gute Voraussetzungen für diesen Beruf. Aber was würden denn deine Eltern dazu sagen?"

Mara nickte, denn diese Frage hatte sie sich ja auch schon gestellt. "Ja, das wäre jetzt die etwas größere Baustelle, die ich mit dir besprechen und dich um deinen Rat bitten möchte."

Mit einem Blick auf die Uhr und die Sektgläser, entschied Lara, dass solche Entscheidungen einen anderen Rahmen brauchten. Sie lächelte Mara aufmunternd zu und sagte ruhig: "Ich bin gern für dich da, aber lass uns das morgen in Angriff nehmen. Für heute haben Herz und Hand genug geleistet, meinst du nicht auch?" Sektvergnügt alberten die beiden Frauen noch ein bisschen in die Abendstunde hinein und gingen dann schlafen.

Mara wachte früher auf als sonst: Die Kühe hatten eine innere Uhr und ihre Milchproduktion fragte nicht nach menschlichen Herausforderungen. Sie rieb sich die Augen und checkte entgegen ihrer Gewohnheit zuerst die Nachrichten auf ihrem Smartphone. Karl hatte sie dreimal angerufen und auch eine Nachricht geschrieben. Oh mein Gott, wie konnte ihr diese Unachtsamkeit nur passieren? Was musste er von ihr denken? Sie entschuldigte sich und schickte viele Herzchen über den Äther, vertröstete ihn aber auf später, denn die Kühe stimmten schon ihre Melodie an. Das war jetzt wichtiger.

Lara hatte schon mit dem Ausmisten begonnen, als sie mit guter Laune in den Stall kam. Auch die Bäuerin war bester Stimmung und zwischen Euter säubern und Melkgeschirr anlegen feixten die beiden über das Liebesleben der Menschen in Zeiten von Internet und Kurznachrichten. So verrann die Stallarbeit wie im Flug. Sie hatten Steffis Wagen schon kommen hören und freuten sich auf ein gutes Frühstück zu dritt. Mara brannte darauf, mit Steffi zu reden. Was sie wohl zu ihrem neuem Lebensplan sagen würde?

Doch bevor Mara Steffi einweihen konnte, donnerte ein großes Motorrad durch die Hofeinfahrt und erschreckte die Frauen. Ein Zweimetermann mit Vollbart parkte seine Maschine und läutete Sturm.

"Ist das wirklich schon der Hofhelfer?", meinte Lara. Tatsächlich. "Ich bin Roni", stellte sich der junge Mann vor und machte großen Stielaugen Richtung Frühstückstisch.

"Du hast noch nicht gefrühstückt?", fragte Lara. Der junge Mann schüttelte den Kopf. Er sei schon vor fünf Uhr zuhause losgefahren und es habe nur zu einer Tasse Kaffee gereicht. Lara lächelte. Die Einstellung gefiel ihr, aber sie wusste auch: Ohne Frühstück kann man keine gute Arbeit leisten. "Na dann, herzliche Einladung! Ich bringe gleich ein Gedeck."

Natürlich war der Neuzugang jetzt das Gesprächsthema der Wahl. Steffi fragte, wo Roni denn herkomme mit seinem schicken Motorrad. "Aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Mindelheim im Unterallgäu. Meine Eltern hatten eine Nebenerwerbslandwirtschaft und nach meiner Ausbildung zum Landwirtschaftsmechaniker hat mich noch der Beruf des Hofhelfers gereizt. Die Kombination ist genial und genau mein Ding."

"Spannend!", meinte Mara. Vielleicht konnte sie von Roni noch etwas Wichtiges lernen. Der Hofhelfer hatte jedenfalls einen großen Appetit und so ergab sich ein angenehmes Gespräch, in dem Lara ihm auch gleich die Abläufe auf dem Rosenhof erklären konnte. Danach zogen sich die beiden für die weiteren Formalitäten ins Büro zurück.

"Was für ein Glück", meinte Steffi. "Mit einem Mann auf dem Hof wird es jetzt leichter für Lara und sie kann Luis auch mal in Bad Wörishofen besuchen. Und wie sehen deine Pläne aus, Mara?"

"Lass uns an die frische Luft gehen", erwiderte diese. "Ich habe Neuigkeiten für dich." Sie legten Lara eine kurze Abwesenheitsnotiz auf den Küchentisch und machten sich auf in Richtung der Lichtung, an den Ort, an dem für Mara alles begonnen hatte.

"Ich denke ernsthaft über eine landwirtschaftliche Ausbildung zur Bäuerin nach", eröffnete Mara spontan den Spaziergang. "Die Tage auf dem Rosenhof haben mich zwar in eine völlig neue Welt katapultiert, doch die Arbeit, die ich bisher kennengelernt habe, gibt mir ein wirklich gutes Gefühl."

"Nicht dein Ernst!", schoss es aus Steffi heraus. "Das wäre ja eine 360-Grad-Wendung in deinem Leben. Dafür müsstest du eigentlich noch einmal auf die Welt kommen."

Mara sah Steffi irritiert von der Seite an. Fast augenblicklich bemerkte sie, wie eine Traurigkeit in ihr aufstieg. Unsicher fragte sie: "Wie meinst du das?"

"Schau, du kamst in einer völligen Ausnahmesituation auf den Rosenhof. Glaub mir, eine Amnesie ist wirklich keine Kleinigkeit. Obendrein sind viele seelische Wunden in dir aufgebrochen und du möchtest mit mir an deren Heilung arbeiten. Das alles wird eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Bis du wieder Boden unter den Füßen hast, würde ich dir dringend davon abraten, einen neuen Beruf zu erlernen. Eine Überforderung wäre vorprogrammiert. Außerdem steht erst einmal die Klärung deiner beruflichen Zukunft im Betrieb deiner Eltern an, eine weitere, nicht unbedeutende, Baustelle. Bitte überstürze jetzt nichts. Ich helfe dir, wo ich kann, und gemeinsam finden wir eine gute Lösung. Da bin ich mir absolut sicher."

Mara schwieg und ließ Steffis Bedenken wirken. Nach einer gefühlten Ewigkeit meinte sie: "Es war eine gute Idee, mich dir anzuvertrauen. Herz und Hirn gehören unbedingt zusammen, Euphorie hin oder her."

Mittlerweile waren sie an der Lichtung angekommen und plötzlich erkannte Mara ihre Tanne wieder, deren Energie sie sofort in ihren Bann zog. Sie setzten sich in ihrer Nähe auf zwei Baumstümpfe und Mara begann zu erzählen: Über die Sommeraufenthalte während ihrer Kindheit im nahegelegenen Kinderheim und wie gut es ihr alljährlich dort gegangen war. Wie sehr sie es genossen hatte, alleine in ihrer Tanne in die Weite zu schauen und die feinen Bewegungen des Baumes zu spüren. Welche Kinderfreundschaften über Jahre hinweg entstanden waren und wie gut die Suppe aus den frischen Steinpilzen geschmeckt hatte, die sie beim gemeinsamen Spaziergang gefunden hatte. Extra für sie hatte die Leiterin die Suppe gekocht.

Steffi hörte aufmerksam zu und war erstaunt über Maras gutes Gedächtnis. Dann meinte sie: "Schreib doch all die schönen Momente auf. Du wirst staunen, wie gut dir das tut."

Anschließend gingen sie voller Elan zum Rosenhof zurück. Sie trafen Lara in der Küche beim Gemüseputzen und meldeten sich als helfende Hände, die gerne angenommen wurden. "Na ihr zwei, seid ihr gut miteinander ausgekommen?", neckte Lara.

"Absolut!", kam es spontan von Mara und Steffi, wie aus einem Mund.

Der Eintopf schmeckte köstlich und Roni lobte Laras Kochkünste in den höchsten Tönen. Zum Einstand hatte er ein Original Ulmer Zuckerbrot, ein speziell geformtes Hefegebäck mit vielen Rosinen, Zitronat und Orangeat mitgebracht, das sich als Nachspeise nach dem deftigen Hauptgericht zum Kaffee wunderbar eignete. Was für ein gelungener Vormittag!

Am Nachmittag verabschiedete sich Steffi fürs erste. Mara hatte all ihre Kontaktdaten und versprach, sich auf alle Fälle in den nächsten Tagen bei ihr zu melden. Sie merkte bereits, wie sich ihre Gedanken und Gefühle neu sortierten und war sich sicher, eine gute Entscheidung für sich selbst treffen zu können. Keine Kurzschlussreaktion, sondern eine Entscheidung, die ihr Herz und ihr Kopf mittragen konnten...

 


 

Dies war der fünfzehnte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weiter geht es hier mit Teil 16

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Margaretha Schedler mit Buch

Ich bin Margaretha Schedler und schreibe seit 2019 hier im

Lebensschatzkisten-Blog.

über mein gelebtes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Seit dem Tod unseres Sohnes im Jahr 2020 widme ich mich verstärkt dem Thema Tod und Trauer. Mein Maskottchen »„Guckamol“ ist dabei immer an meiner Seite.

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4 Kommentare

  1. Liebe Margaretha,
    jetzt wird es richtig interessant, wohin sie ihr Weg führt. Eine Ausbildung zur Bäuerin?
    Gerade die Gespräche der Frauen und die Überlegungen zu ihrer Zukunft gefallen mir gut. Da steckt wieder einiges an unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen drin.
    Und jetzt kommt auch noch ein Hofhelfer ins Spiel. Was entwickelt sich daraus?
    Ja, ich bin gespannt, wie das nun weitergeht. Lass uns nicht zu lange warten.
    Herzlichst, Petra

    Reply
    • Ja, liebe Petra, es ist immer etwas los auf dem Rosenhof. Die Ereignisse überschlagen sich und Mara ist mittendrin. Wie gut, dass sie erfahrene Frauen an ihrer Seite hat.
      Ich freue mich sehr, dass Du Mara auf ihrem Weg in ein neues Leben so kontinuierlich begleitest. Danke für Deine Treue.

  2. Liebe Margaretha,
    welch erfreuliche Nachrichten wir wieder vom Rosenhof lesen dürfen, sehr schön. Es ist so schön, kleine, dir wichtige im Alltag fest verbundene Orte und Menschen darin entdecken zu dürfen. Ich freue mich auf die Fortsetzung der bewegenden Geschichte von Mara. Herzliche Grüße, Lydia 😀

    Reply
    • Wie schön, liebe Lydia, was Du in meinem Geschriebenen herausliest. Vielen Dank für Deine Gedanken.

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