Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben…
Beruhigendes Landleben
Es war gut, dass Mara Schlaf finden konnte. Was war dieser jungen Frau nur zugestoßen? Grübelnd ging Frau Lara über den Hof, aber viel Zeit für tiefe Gedanken blieb nicht, denn es war Stallzeit. Sie zog sich um und ging als erstes zum Jungvieh, das die nächste Portion Milch in die Kübel bekam. Luis hatte schon angefangen und den Melkstand vorbereitet. Das Allgäuer Braunvieh nahm diesen gut an und die Kühe kannten mittlerweile ihren Weg auf die Ebene. Alles verlief in Ruhe. Nur aus dem Radio hörte man reise Musik. Die Tiere liebten die Töne. Manchmal hatte Luis das Gefühl, dass sie damit sogar mehr Milch gaben. Schaden konnte es also nicht, warum sollten sie nicht mal ungewöhnliche Wege gehen.
Fast hätten sie Mara übersehen, die an der Seite von Barry im Türrahmen lehnte. Sie stand wohl schon eine Weile da und ihr Gesichtsausdruck verriet blasses Erstaunen. Mara war noch nie in einem Stall und kannte das Treiben nur aus dem Fernsehen. Der ungewohnte und strenge Geruch hielt sie jedoch davon ab, ihren Fuß über die Schwelle zu setzen, und so sah sie Lara und Luis von weitem zu.
Das Muhen der Kühe hatten Mara geweckt und im ersten Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Doch dann kam die Erinnerung an die liebevolle Aufnahme von Lara und Luis auf dem Rosenhof. Dass sie jetzt auch noch in dem Appartement wohnen durfte, war ein großer Segen für sie. Im Bad bemerkte sie die Kleidungsstücke und die Kosmetika, die ihr Frau Lara wohl während ihres Nachmittagsschlafs gebracht hatte. Wie fürsorglich und aufmerksam diese Frau doch war! Sobald sie mit der Stallarbeit fertig waren, würde sie sich dafür bedanken.
„Komm doch näher“, hörte sie Luis rufen, der sie wohl bemerkt hatte.
„Heute lieber noch nicht“, rief sie in seine Richtung und er musste herzlich lachen. Diese Städterer!
So ging Mara in Richtung Haupthaus, setzte sich auf die Fillebank vor dem Eingang und wartete auf die beiden. Es war schön hier. Das Wetter hatte sich gebessert, die letzten Sonnenstrahlen der Herbstsonne tauchten die Geranienkästen vor dem Balkon in ein bezauberndes Licht und der Duft des Heus aus der Tenne beruhigte Maras Nervenkostüm auf eine noch nie dagewesene Art und Weise. Sie konnte tief durchatmen und mit geschlossenen Augen ließen sich sogar einige Kräuter erahnen. Mara hatte immer schon einen guten Geruchssinn. In ihrem Elternhaus war sie oft durchs Treppenhaus gelaufen und wusste meist schon im ersten Stock, was es im dritten Stock zum Essen gab.
So döste sie noch einige Zeit zufrieden vor sich hin. Barry blieb die ganze Zeit in ihrer Nähe.
Auf einmal hörte sie ein Motorengeräusch, das immer näherkam. Es war der große Milchtanklaster der Genossenschaft, der allabendlich die Milch abholte. Geschickt manövrierte der Fahrer das Riesending in die richtige Position vor die Milchkammer und schloss einen großen Schlauch an. Luis war auch schon zur Stelle und assistierte geschickt.
So läuft das also heutzutage, dachte sich Mara, die sich noch nie Gedanken darüber gemacht hatte, wie die Milch vom Bauern in die Molkerei kam. Als Kind hatte sie mehrere Jahre die großen Schulferien in einem Kinder-Erholungsheim verbracht. Dort fuhr jeden Abend der Bauer aus der Nachbarschaft mit dem Traktor die Milchkannen in die wenige Kilometer entfernte Abgabestelle, wo sie vor Ort direkt verarbeitet wurde. Wenn die Bäuerin den Transport übernahm, durfte sie manchmal sogar mitfahren. Das war jedes Mal etwas ganz Besonderes. Welches Stadtkind konnte nach den Sommerferien schon mit solchen Erlebnissen prahlen?
Als sie so in ihren Kindheitserinnerungen schwelgte, kam Frau Lara aus der Türe und lud sie zur Brotzeit ein. In der Stube war alles schon vorbereitet und sie staunte nicht schlecht über die Auswahl von Wurst, Käse, bunten Salaten und vor allem über den großen Brotlaib, der auf einem großen Schneidbrett lag.
Lara bemerkte ihr Zögern und zeigte auf einen Stuhl. So nahm sie Platz und bedankte sich für die Einladung. „Luis müsste gleich kommen“, meinte Lara und so hatten die beiden Frauen kurz Zeit für ein Pläuschchen.
„Danke auch für die Kleidungsstücke und die Kosmetika, die du mir ins Bad gelegt hast. Ich habe das gar nicht mitbekommen“, sagte Mara.
Frau Lara lächelte nur. „Das ist doch logisch, du hast ja nichts zum Wechseln und wir haben augenscheinlich die gleiche Kleidergröße.“
Jetzt erst wurde Mara wieder bewusst, dass ihr Rucksack verschwunden war und sie immer noch keinen blassen Schimmer hatte, was wirklich in den letzten 24 Stunden passiert war. Sie hatte zwar den Platz wiedererkannt, an dem Barry sie aufgespürt und Luis sie gefunden hatte, doch an Details konnte sie sich immer noch nicht erinnern. Was war nur geschehen und warum war sie an diesen Ort gegangen?
Lara erkannte an ihren Gesichtszügen, dass sie angestrengt nachdachte und fragte vorerst nicht weiter nach. Es war nur verständlich, dass Mara sich in ihre Fragen verbiss, sie musste furchtbar unsicher sein, ängstlich vielleicht. Sie konnte nur abwarten und hoffen, dass sich Mara in einer vertrauensvollen Umgebung schnell wieder erinnern würde.
Als Luis kam, aßen sie gemeinsam und tranken frische Milch. Mara hatte schon viele Jahre keine Milch mehr getrunken. Doch der Geschmack aus Kinderzeiten war gleich wieder präsent. Köstlich! Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, seit sie die Kühe und den Milchtanklaster gesehen hatte.
Als alle satt waren verabschiedete sich Luis ins Fernsehzimmer und die beiden Frauen waren unter sich. Sie versorgten die restlichen Lebensmittel in den Kühlschrank und räumten das Geschirr in die Spülmaschine. Lara hatte eine wunderschöne modern eingerichtete Küche mit allem was das Herz begehrt. Sogar ein moderner Kaffeeautomat stand in der Ecke. Auf einem Bauernhof hätte Mara das nicht erwartet. Plötzlich verdrehte sie unwillkürlich die Augen und musste lächeln. Sie hatte nicht nachgedacht, alles nur Vorurteile! Die Welt hatte sich verändert – warum sollte gerade auf den Bauernhöfen Stillstand herrschen?
Frau Lara riss sie aus ihren Gedanken: „Lass uns noch ein wenig auf die Fillabank setzen, es ist noch angenehm warm.“
Mara war dankbar für den Vorschlag. Sie musste Lara unbedingt ein bisschen mehr von sich erzählen. Sie hatte großes Vertrauen zu ihr und auf unerklärliche Weise fühlte sie sich ihr sehr nahe. Lara schaute sie von der Seite an und fragte: „Sag mal, an was kannst du dich denn als letztes erinnern? Also… bevor du bei uns hier im Rosenhof aufgewacht bist?“
Diese Frage hatte Mara sich selbst auch schon gestellt und kam auf keinen grünen Zweig. So meinte sie: „Ich weiß es nicht, das ist wie ein schwarzes Loch. Vielleicht erzähle ich dir einfach mal ein bisschen was aus meinem Leben? Könnte doch sein, dass dann die verschlossene Gehirnschranke ganz automatisch aufgeht? Diese Gedächtnislücke kann doch sicher nicht von Dauer sein, oder?“
Ein hoffnungsvolles Lächeln huschte über Maras Gesicht und Frau Lara erwidert es: „Dann mal los“, meinte sie ermutigend und lehnte sich zurück. Zögerlich begann Mara zu erzählen:
„Also, ich bin in Kemptens Altstadt in einem Geschäftshaushalt aufgewachsen, habe nach der Schule in Würzburg Kinderkrankenschwester gelernt und bin nach Mobbing und Burnout, wie man heute sagt, nicht mehr zurück in den Klinikalltag gegangen. Stattdessen bin ich ins Obst- und Gemüse-Fachgeschäft meiner Eltern eingestiegen. Dort arbeite ich nach wie vor und bin damit eigentlich ganz zufrieden. Obwohl meine Mutter und ich uns in vielen Dingen nicht ganz grün sind, als Verkaufsteam sind wir unschlagbar und es macht richtig Spaß, mit ihr zusammenzuarbeiten.“
Mara räusperte sich und dachte kurz nach, als ob sie nicht wüsste, welche Informationen jetzt gerade wichtig und relevant sind. Als hätte sie eine innere Entscheidung getroffen, fuhr sie in einem gelösten Ton fort:
„Ich habe große Freiheiten, die mir sehr wichtig sind, und meine Erfahrungen in punkto Ernährung der Kinder vom Frühchen über den Säugling zum Kleinkind kann ich gut in die Verkaufsgespräche einbringen. Meine Mutter hat für kränkelnde Kunden immer einen praktischen Rat auf Lager. Erwachsene behandelt sie bei Katarr und Husten mit frischem Meerrettich direkt im Geschäft – das ist legendär! Auch ihr Orangentee-Rezept ist sehr beliebt, das natürlich nur im Zusammenhang mit dem Verkauf von mindestens zwei Kilogramm Orangen über den Ladentisch geht.“
Mara zwinkerte Frau Lara zu, dieses Erzählen fiel ihr leicht. Sie spürte, wie ihr Vertrauen in Lara immer weiter wuchs und hatte das Gefühl, sie habe wirklich einhundert Prozent Aufmerksamkeit. Ein seltenes Gut, dachte Mara für einen Moment, aber sie erzählte weiter:
„Mittlerweile kommen immer öfter junge Frauen zu mir und fragen mich um Rat. Mein Wissen und meine unkomplizierte Art haben sich wohl herumgesprochen. So fühle ich mich anerkannt und wertgeschätzt und vergesse meist, wie sehr mir mein über alles geliebter Beruf doch fehlt. Ich wohne wieder in der Großfamilie, bei meinen Großeltern, die eigentlich mein Großonkel und Großtante sind. Außerdem ist da noch meine Tante; mein Bruder ist vor einiger Zeit ausgezogen. Und dennoch holt mich die Würzburgzeit immer wieder ein, da dort neben der Klinik-Erlebnisse schlimme Dinge passiert sind…“
Sie schaute auf und sah in Frau Laras prüfendes Gesicht. Wohlwollend und zugewandt, so viel Sicherheit in ihrem Blick. Ein Gegengewicht zu den schlimmen Erinnerungen, die jetzt in ihr Bewusstsein kamen. Aber warum sie hier war, wusste sie immer noch nicht…
Dies war der dritte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weitere Teile werden nach und nach veröffentlicht.
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