Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...
Alles Routine?
Die Stallarbeit am nächsten Morgen ging Mara gut von der Hand und sie verschwendete überhaupt keinen Gedanken mehr an ihre anfänglichen Bedenken. Sie hatte keinerlei Berührungsängste mehr, es war sogar schön, so nah bei den Kühen zu sein. Auch an den intensiven Geruch im Stall hatte sie sich schon gewöhnt. Es scheint alles nur eine Frage der Zeit zu sein, dachte sie zufrieden.
Beim Frühstück erklärte Karl, dass der frühe Nachmittag für ihn die beste Tageszeit für den gemeinsamen Spaziergang sei. "Bis dahin habe ich alles in trockenen Tüchern und das Wetter lädt doch geradezu dazu ein. Wäre das ok für dich?"
Mara schaute aus dem Fenster. Die Wolken hatten sich verzogen und die Sonne lockte mit ihren herbstwarmen Strahlen. "Klingt sehr gut für mich. Dann starten wir hier gegen 14:30 Uhr, ja?"
Karl und Lara verabschiedeten sich an diesem Morgen ziemlich zügig vom Frühstückstisch. Karl ging ins Homeoffice und Lara hatte mit Luis einen Videocall vereinbart. Sie vermisste ihn sehr und wollte gerne an seinen Genesungsschritten teilhaben.
So hatte Mara Gelegenheit, Steffi nach der Möglichkeit einer Gesprächstherapie zu fragen. Dass sich ihre Vergangenheit so ins Tagesbewusstsein katapultiert hatte, war ihr doch sehr unheimlich und der Wunsch einer professionellen Betreuung wurde immer deutlicher. Ihre Angst vor dieser Therapieform musste Steffi ihr jedoch nehmen.
Da sie heute für den Mittagstisch zuständig war und noch einige Zutaten fehlten, fuhr sie ins Dorf hinunter und nahm auch die von Lara bestellten Lebensmittel für die Speisekammer mit. Sie hatte sich Krautkrapfen ausgedacht und musste sich ihre Vormittagszeit gut einteilen, da der Nudelteig ruhen und das Sauerkraut gekocht sein musste.
Auch für die Aufarbeitungszeit und für die Fertigstellung musste sie ausreichend Zeit einplanen. Sie hatte ihren Freunden eine Überraschung versprochen und hoffte, dass ihr Gericht gut ankam. Nicht ganz ohne Eigennutz, denn Krautkrapfen gehörten auch zu ihren eigenen Lieblingsspeisen.
Als sie an der Kirche vorbeifuhr, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie erinnerte sich, dass sie nach der Busfahrt aus der Stadt kurz in der Kirche war und im Gebäude gegenüber, in dem sich das Pfarrbüro befand. Sie hatte gefragt, ob es das Kinderheim, in dem sie viele Sommerferien verbracht hatte, noch gab, und ob die Betreiberin noch lebte. Beides verneinte die gesprächige Sekretärin.
Mara fühlte sich erleichtert, dass sie nun wieder wusste, wie sie dieses Dorf in ihrer Erinnerung einsortieren musste. Es war nichts Schlimmes passiert, dies hier war nur eine weitere Station ihrer Reise gewesen. Gott sei Dank, jetzt hatte sich auch diese Erinnerungslücke geschlossen.
"Wow, hier riecht es ja sehr intensiv nach Sauerkraut!", meinte Lara, als sie kurz mal den Kopf durch die Küchentür steckte. Sie zwinkerte Mara zu. "Keine Sorge, ich schaue nicht, du sollst deine Freude nachher beim Essen mit uns haben."
So war es dann auch. Keiner von ihnen kannte Krautkrapfen, nicht einmal die Urallgäuer vom Rosenhof.
Steffi und Lara wollten unbedingt das Rezept und die Tricks für die ansprechende Optik. Ein Krautkrapfen glich dem anderen, voller Grazie und Schönheit, wenn man diese Begriffe für ein Gericht verwenden darf. Doch warum eigentlich nicht. Das Auge isst auch bei sogenannten einfachen Gerichten mit!
Wie üblich gönnte sich Mara nach dem Essen eine Siesta und zog sich in das Appartement zurück. Ausgeruht und mit einem Kribbeln im Bauch war sie anschießend bereit für den Nachmittag.
Wie ausgemacht wartete Karl im Haupthaus auf sie und dann ging es ab in den Wald. Er zeigte ihr die Lieblingsplätze und Kletterbäume seiner Kinder- und Jugendzeit und Mara erkannte vor allem eine besondere Waldlichtung.
"Kennst du eigentlich das frühere Kinderheim in Baltenstein?", fragte sie Karl. "Das muss doch hier ganz in der Nähe sein. Dein Vater und Barry haben mich in der Nähe des Hauses bewusstlos gefunden."
Karl blieb wie angewurzelt stehen. "Was? Wie bitte???" In der Aufregung um seinen Vater und die Arbeit der letzten Tage hatte er Mara tatsächlich noch nicht nach dem Grund ihres Aufenthaltes auf dem Rosenhof gefragt. Er war sich sicher, dass sie im Appartement Urlaub machte.
So hatten sie jetzt genügend Gesprächsstoff und vergaßen fast die Zeit, um rechtzeitig zur Stallarbeit wieder auf dem Hof zu sein. "Da hast du ja einen schönen Krimi hinter dir", meinte Karl zum Abschluss und fragte sie, ob er sie in den Arm nehmen dürfe. Im ersten Moment zögerte Mara, doch dann ließ sie seine Nähe zu und fühlte sich sicher und geborgen. Dass dabei ihr Herzschlag einige Kapriolen schlug nahm sie zwar wahr, doch es beunruhigte sie nicht.
Doch irgendetwas war los mit ihr. Sie kannte dieses Gefühl bisher nicht und seit damals hatte sie keinen fremden Mann mehr so nahe an sich herangelassen. Jetzt aber blieb keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn die Kühe scharrten schon mit den Hufen und Lara wartete im Stall auf weitere helfende Hände.
"Ist irgendetwas?", fragte diese, als Mara und Karl zum Dienst erschien. "Du siehst so anders aus!"
Mara lächelte. "Es ist alles in bester Ordnung. Karl und ich waren spazieren und hatten sehr gute Gespräche." Lara schaute sie vergnügt an. Mit einem amüsierten Ton in der Stimme sagte sie nur: "Ach so."
Ganz bei der Sache war Mara dennoch nicht und froh, dass die anvisierte Stallzeit eingehalten werden konnte. Beim Abendessen hingen sowohl sie als auch Karl den jeweils eigenen Gedanken nach und beide waren auffallend ruhig.
Lara und Steffi warfen sich unverhohlene Blicke zu, fragten feinfühlig jedoch nicht nach. Lara erzählte von Luis´ Fortschritten und Steffi meinte, sie müsste am nächsten Tag mal in ihren Briefkasten schauen. Sie wartete immer noch auf eine Antwort des Nachlassgerichtes.
Diskret verabschiedete sich Karl noch einmal an den Schreibtisch und Mara in ihr Appartement. Heute trottete Barry hinter ihr her und signalisierte damit seine nächtliche Unterstützung. Ob er auch die Veränderung bemerkt hatte? Vermutlich, denn er war ein äußerst feinfühliger Hund.
Bevor Mara zu Bett ging, nahm sie ihr Dankbarkeitsbuch zur Hand. Der Spaziergang mit Karl hatte sie auf mehreren Ebenen gleichzeitig aufgewühlt. Körperlich spürte sie sehr präsent eine Veränderung in ihrem Bauchzentrum, doch jetzt mit einem gewissen zeitlichen Abstand meldete sich ihr Herz und auch im Kopf war einiges los.
Aus mehreren Workshops, der Zusammenarbeit mit der Seminarleitung und anschließendem Selbststudium des Enneagramms hatte sie genügend Wissen über menschliche Verhaltensmuster gelernt und verinnerlicht, und im Schreiben konnte sie immer am besten reflektieren. Sie sah dabei nicht auf ihre Armbanduhr, doch als ihre Hand immer langsamer, ihre Gedanken diffuser und die Augenlider immer schwerer wurden, wusste sie, dass es Zeit zum Schlafen war.
Als am nächsten Morgen ihr Handywecker läutete, kam es ihr vor, als wäre sie gerade erst eingeschlafen. Was für eine Nacht! Dieses Gefühl kannte sie nur aus ihrer Kindheit - wurde sie krank oder was war los? Doch die Stallarbeit wartete und so hatte sie keine Zeit, sich weitere Gedanken darüber zu machen.
Die drei Frauen waren heute Morgen unter sich. Mara kannte ihre Arbeitsschritte mittlerweile so gut, dass Lara sie nur noch ab und zu auf gewisse Feinheiten aufmerksam machte. Den Milchzitzen gehörte Maras besondere Aufmerksamkeit und bei der geringsten Unsicherheit holte sie Lara immer dazu.
So auch heute, als sie bei Emma, der trächtigen dreijährigen schwarz-weiß-gefleckten Kuh-Dame eine besondere Berührungsempfindlichkeit bemerkte. Lara meinte, Emmas Schwangerschaft liege in den letzten Zügen und es sei völlig normal, dass sich gewisse Veränderungen zeigen. "Du hast ein feines Gespür, Mara!"
Karl war heute zum Küchendienst eingeteilt und er machte seine Arbeit perfekt. Schon als Kind hatte er gewisse familiäre Verpflichtungen und das Frühstückmachen war sehr oft seine Aufgabe. Sogar Rühreier mit Schinken hatte er im Repertoire und stolz tischte er seine Kreation auf. "Nicht ganz ohne Eigennutz", meinte er. Sein Tag würde heute besonders lang und anstrengend werden und da brauche er eine gute Grundlage.
Während des Frühstücks war die Stimmung gut und gelöst, daher rückte das Gefühl des bevorstehenden Abschieds etwas in den Hintergrund. Nichtsdestotrotz startete sein Flugzeug von Memmingen um 10:00 Uhr und zuvor musste er noch das Leihauto zurückgeben.
Mara hasste Abschiede, gerade dann, wenn Menschen ihr wirklich etwas bedeuteten. Und das war bei Karl definitiv der Fall, auch wenn sie es sich noch nicht eingestehen konnte. So ging sie voller Offenheit auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen, wünschte ihm einen guten Flug und einen grandiosen Geschäftstermin.
Karl war davon sichtlich überrascht, sie hatten doch noch über ein Stunde Zeit! Leicht entkrampfte er jedoch die Situation, indem er sie wiederum einfach in den Arm nahm. Mara blieb das Herz stehen, doch Karl hielt sie einfach. Als sich ihre Augen begegneten, brauchte es keine Worte und ihre Lippen fanden zueinander.
Es begann eine neue Zeitrechnung!
Dies war der dreizehnte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weiter geht es hier mit Teil 14
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Liebe Margaretha,
mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an deine grandiosen Krautkrapfen denke! Das Rezept ist legendär und so freut es mich, dass die Familie auch Geschmack und Freude daran gefunden hat. Weiterhin bleiben wir gespannt auf den äußerst erfreulichen Weitergang von Mara und ihren Begleitern.
Herzliche Grüße
Lydia
Ja, liebe Lydia, die Krautkrapfen sind und bleiben meine Leibspeise. Wie schön, dass Du Dich an das Rezept erinnerst. Eine Einladung dazu ist Dir gewiss. Ich freue mich sehr, dass Du Maras Geschichte liest. Ganz lieben Dank dafür.