Dieser Artikel ist die zweite Station meiner Schreibreise „Die Magie meiner Herzkraft“
Solltest Du die Anfänge verpasst haben, lese gerne zuerst: Die Magie der Herzkraft und Ohne Atem kein Leben.
Lass uns jetzt die Reise fortsetzen
Was habe ich mir da nur für eine Familie ausgesucht?
Diese Frage ging mir sehr oft durch den Kopf; denn es war alles andere als einfach in einem Geschäftshaushalt aufzuwachsen. Alles war wichtiger als meine Anwesenheit.
„Wir müssen Geld verdienen!“ Wie oft hörte ich diesen Satz.
Meine Fragen dazu wurden von einem zum anderen delegiert und blieben sehr oft unbeantwortet.
Besonders schlimm war die sommerliche Ferienzeit. Es war Hochsaison im Obst- und Gemüsegeschäft und ein wissbegieriges Kind war zu viel. Doch meine Eltern waren sehr einfallsreich im „Kind abgeben!“
Ohne Worte
Es war an einem sehr heißen Nachmittag und die Stimmung unter den Erwachsenen war genauso aufgeheizt, wie die Atmosphäre.
Mein Vater hatte zu viel Erdbeeren eingekauft und die Kundschaft blieb aus. Die Früchte drohten zu verderben. Viele Stammkunden waren schon in Urlaub gefahren oder erfrischten sich bei der Hitze in einem der umliegenden Seen.
Um mich beaufsichtigen zu können durfte ich im Laden ein bisschen mithelfen. Ich hatte gelernt das Pergamentpapier zum Einpacken der Essiggurken oder dem Sauerkraut in unterschiedliche Größen zu schneiden und die roten austauschbaren Plastikzahlen für die Preisschilder zu sortierten.
Doch nichtsahnend und plötzlich veränderte sich meine Welt.
Ich war gerade alleine im Verkaufsraum und beobachtete durch die große Schaufensterscheibe eine Spatzenfamilie, die trotz der Hitze ein aufregendes Gespräch zu führen schien. Dabei war ich so in Gedanken, dass ich nicht bemerkte, wie eine Person den Laden betrat.
Hallo, kleines Fräulein, bist du ganz alleine? Ich erschrak fürchterlich und war mir gleich meiner Unaufmerksamkeit bewusst.
Wie von der Tarantel gestochen rannte ich ins Hinterzimmer um meine Eltern zu holen und zog mich zurück. Neugierig wie ich war blieben meine Ohren jedoch auf Empfang und was ich hörte gefiel mir ganz und gar nicht.
Die Dame war gekommen um mich ins Kindererholungsheim in den Kemptener Wald mitzunehmen. Darüber gesprochen hatte man mit mir jedoch zu keiner Zeit. Ich erstarrte und reagierte marionettenhaft. Stieg in das fremde Auto ein, machte die Augen zu und wollte nicht mehr leben.
Doch so einfach war das nicht. Das LEBEN hatte anderes mit mir vor.
„Bitte öffne die Augen wieder und steige aus“, hörte ich nach gefühlt einer Ewigkeit die Stimme der Dame, die sich als Tante Stick vorstellte.
Willkommen im Paradies
Zuerst fühlte ich ein kühles Lüftchen, danach nahm ich den würzigen Duft von frisch gemähtem Gras, feuchter Erde und den unverwechselbaren Duft der Tannen wahr. Dieser war mir aus Waldspaziergängen vertraut.
Vorsichtig schaute ich mich um, sah einen großen zottligen Hund vor seiner Hütte dösen und hörte lachende Kinderstimmen. Das Haus war mit Schindeln getäfert und glich einer großen Jagdhütte.
Vom Paradies hatte ich zwar eine andere Vorstellung, doch mein 4-wöchiger Aufenthalt entpuppte sich als sein Vorgarten. Ich blühte auf, fand neue Freunde, fühlte mich gesehen und in meiner Lebendigkeit angenommen.
An Regentagen lernte ich von den älteren Kindern das Schreiben, bei unseren Waldexkursionen die unterschiedlichsten Vogelstimmen, Beeren und Pilze.
Die hohen Flammen des Lagerfeuers verzauberten mich und Tante Stick machte uns Kinder immer wieder auf Sternschnuppen aufmerksam. Viele Wünsche schickte ich in den Himmel. Der eine oder andere ging später sogar in Erfüllung.
Mein Stadtleben war weit, weit weg! Heimweh, Fehlanzeige!
In den Jahren darauf folgten sechs weitere Ferienzeiten im Kinderparadies.
Auch wenn der Anfang meiner Aufenthalte im Kindererholungsheim einem Schock nahekam, bin ich meinen Eltern für diese Aus- und Erholungszeiten im Kemptener Wald sehr dankbar. Die würzige sauerstoffreiche Luft und das gute Essen stärkten meinen Körper. Mein Selbstbewusstsein nahm Fahrt auf und meine Herzkraft stabilisierte sich auf einzigartige Weise.
Bis heute fühle ich mich dem Ort auf wundersame Weise verbunden und meine Freundin, die Fichte, freut sich immer auf einen Besuch.
https://www.margaretha-schedler.de/werte-machen-das-leben-lebens-wert/
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Liebe Margaretha,
herzlichen Dank für diesen Rückblick aus deiner Kindheit, die doch sehr prägend war und dich so positiv mit wertvollen Erfahrungen und Freuden überrascht hat. Ein besonderer Ort des Paradies, den es für dich zu entdecken galt und nun wertvoll in deiner Lebensschatzkiste seinen Platz für uns alle gefunden hat.
Herzliche Grüße, Lydia
Liebe Lydia,
ein Rückblick in die Kindheit ist immer eine gute Möglichkeit der Selbstreflektion. Mit steigender Lebenserfahrung ergeben sich immer wieder neue Perspektiven darauf.
Gerne können wir „mein Paradies“ einmal besuchen, Du wirst überrascht sein.
Liebe Margaretha, da kann man mal wieder sehen, was ein Perspektivwechsel bewirken kann. Was mit Verlassensgefühlen beginnt, wird zum Feiern von Freiheit und etwas, das Dich für Dein weiteres Leben bereichert hat. Eine tolle Geschichte! Danke Dir dafür! 😘
Ja, liebe Annette, da hast Du recht. Erst beim vorurteilsfreien Betrachten und Nachspüren meiner Kindheitsgefühle mit ca. 5 Jahren konnte ich den Schatz der Freiheitliebe erkennen. Der Samen wurde damals gelegt.
Liebe Margaretha,
dein Beitrag hat mich mitten ins Herz getroffen. So liebevoll und ehrlich beschreibst du, wie aus einer schmerzhaften Kindheitserfahrung eine Quelle von Stärke, Vertrauen und Herzkraft werden durfte. Ich spüre beim Lesen deine tiefe Verbundenheit zur Natur – fast so, als würde der Wald selbst in deinen Worten mitschwingen.
Es berührt mich, wie du deinen Weg in kleinen Momenten des Wunderns und Staunens wiedergefunden hast. Danke, dass du mich mitnimmst auf diese Reise voller Gefühl, Erkenntnis und Lebensfreude. Dein „Paradies“ klingt nach einem Ort, an dem Seele und Herz gleichermaßen heilen dürfen.
Viele Grüße Kathy von Ideengeysir
Liebe Kathy,
es freut mich sehr, dass ich Dich mit meinem Artikel inspirieren konnte. Wir erkennen oft erst im Rückblick, dass unsere Eltern immer das Beste für uns wollten.