Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...
Es geht nur gemeinsam
Als die letzte Kuh aus dem Melkstand lief, kamen auch Steffi und Tom in den Laufstall. Blitzschnell reagierten sie auf die Situation und hielten sich etwas im Hintergrund. Lara sollte Zeit haben, sich auszuweinen.
Langsam beruhigte sich Lara und setzte sich auf einen Heuballen. Mara nahm ihre Hand und setzte sich daneben. Auch die beiden anderen kamen jetzt dazu, doch alle drei warteten auf die ersten Worte von Lara. Selbst die Kühe verhielten sich ausgesprochen ruhig. Tiere haben ein gutes Gespür für außergewöhnliche Schwingungen und diese Situation war an Spannung nicht zu überbieten.
"Luis geht es den Umständen entsprechend gut. Er hatte einen Herzinfarkt aufgrund eines Gefäßverschlusses. Dieser Verschluss war mittels Lyse aufgelöst worden. Die Herzkatheteruntersuchung ergab jedoch die Notwendigkeit mehrerer Stents, die notoperativ sofort gelegt wurden." Lara schaute in die Gesichter der drei Helfer und versuchte ein Lächeln, das ihr nicht ganz gelang.
"Luis ist außer Lebensgefahr und hat die Narkose und den Eingriff gut überstanden. Die nächsten Stunden mit Blutdruckmessungen, Blut- und Urinuntersuchungen entscheiden jetzt über das weitere Vorgehen."
Diese Informationen mussten erstmal verarbeitet werden und sacken. Tom fand zuerst seine Sprache wieder und sicherte Lara seine volle Unterstützung für die nächsten Tage zu. Dasselbe galt für Steffi und Mara. Lara sollte sich so aktuell keine Gedanken um den Betrieb machen müssen.
Beim anschließenden gemeinsamen Abendessen besprachen sie einige Details bezüglich der Arbeitsaufteilung, dann fuhren Steffi und Tom nach Hause. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedeten sie sich von Lara.
"Das wird schon, jetzt ist halt Geduld gefragt", versuchte Tom Lara aufzumuntern. Dann waren Lara und Mara alleine.
"Ich muss die Kinder benachrichtigen", meinte Lara und ihr Gesicht verriet die Anspannung und die Sorge, die in diesem Satz mitschwangen. Schließlich nahm sie das Telefon und verschwand in Richtung Büro. Mara räumte die Küche auf und wartete. Es dauerte nicht lange und Lara kam zurück. Sie hatte Karl und Hilde erreicht und beide wollten so schnell wie irgend möglich kommen.
Karl versprach, einen Platz im nächsten Flug von Hamburg nach Memmingen zu buchen und Hilde, die im Oberallgäu verheiratet war, wollte alle Hebel in Bewegung setzen, um für ihre beiden kleinen Kinder zumindest für den nächsten Tag eine Betreuung zu organisieren, sodass sie spätestens am Spätvormittag im Krankenhaus sein konnte. Dort wollten sich Mutter und Tochter treffen.
Zum Tagesausklang kochte Lara dann ihren legendären Entspannungstee, den beide zusammen mit den Keksen gedankenversunken tranken. Worte waren jetzt nicht wichtig. Hauptsache, sie waren füreinander da.
Barry hatte sich tagsüber in seiner Hundehütte verkrochen, doch langsam bekam er Hunger und trottete in Richtung seines Fressnapfes.
"Ach du Guter, dich gibt es ja auch noch!", sagte Lara, streichelte ihm über das zottige Fell und fütterte ihn. "Heute Nacht bleibst du bei mir, ja? Mara kommt schon gut über die Nacht. Ich brauche dich", flüsterte sie ihm zu.
Und so kam es, dass Mara die erste Nacht ohne Beschützer schlafen musste, was absolut in Ordnung war und ihr keine Angst machte. Was für ein Tag, der sich wie mindestens eine Woche anfühlte.
So schnell kann sich das Leben verändern, dachte Mara in die dunkle Nacht hinein. Sie stand am Fenster und schaute in den Himmel. Durch einzelne Wolkenlücken blinkten schwach ein paar Sterne. Symbole der Hoffnung. Mit diesen Gedanken, ihrem Nachtgebet und einem Genesungsgebet für Luis schlief sie erschöpft ein.
…………………………
Die folgenden Tage vergingen wie im Flug und alle funktionierten irgendwie. Karl, der kaum etwas älter war als Mara, kam, und entlastete die Frauen bei der Stallarbeit, da Tom trotz Freistellung zum Dienst zurückgerufen wurde. Ein neuer Fall erforderte alle Einsatzkräfte.
Wenn er nicht im Stall oder bei sonstigen Arbeiten auf dem Hof gebraucht wurde, arbeitete Karl im Homeoffice. Gott sei Dank hatten seine Eltern sich für einen schnellen Internetzugang bei der Gemeinde stark gemacht und die Verlegung eines Glasfaserkabels trotz der Abgeschiedenheit des Rosenhofs durchgesetzt. So konnte Karl gut arbeiten.
Hilde unterstütze ihre Mutter bei den Krankenbesuchen und stand ihr vor allem seelisch zur Seite. So kamen sich Mutter und Tochter wieder näher. Sie tauschten in anregenden Gesprächen Erfahrungen nicht nur bezüglich Kindererziehung aus, sondern sprachen über Politik und den gesellschaftlichen Wandel. Zudem kamen sie immer wieder auf die Bürokratie zu sprechen, die heutzutage in der Landwirtschaft anfällt. Die Auflagen und Gesetze wurden für die Menschen zunehmend anstrengend und immer zeitaufwendiger.
Luis war schon nach fünf Tagen aus der Akutklinik entlassen worden und wie durch ein Wunder bekam er sofort einen Platz in der besten Rehaklinik für Herzpatienten in Bad Wörishofen. So entspannte sich die Lage auf dem Hof täglich etwas mehr.
Bei Mara kroch jedoch heimlich, still und leise immer öfter das Gefühl ins Bewusstsein, dass sie nicht wirklich dazugehörte. Wie lange konnte oder sollte sie noch auf dem Rosenhof bleiben?
Sie wollte unbedingt mit Steffi darüber reden. Die beiden verstanden sich prima und Mara hatte großes Vertrauen in Steffis Expertise. Diese hatte sich als Trauma-Therapeutin weitergebildet und sie war sich sehr sicher, Steffi könnte ihr bei der Aufarbeitung ihrer schweren Zeit in Würzburg helfen. Durch die veränderte Situation mit Luis Erkrankung waren ihre Themen, die im Zusammenhang mit der Gegenüberstellung bei der Polizei ins Bewusstsein gekommen waren, wieder in den Hintergrund gerückt. Zusätzlich beschlich Mara der Gedanke, sie müsse sich zuhause melden.
Mit diesem Vorhaben im Hinterkopf machte sie sich an die Vorbereitungen für die Brotzeit. Lara hatte mit Karl, Steffi und ihr einen Arbeitsplan erstellt und heute war sie für die Abendküche zuständig. Mittlerweile waren ihr die Handgriffe geläufig und Laras Schrankordnung war ein Segen beim Auffinden des Geschirrs, das immer am gleichen Platz stand. Mara liebte Ordnung, denn sie machte das Leben doch so viel leichter.
In freudiger Stimmung trudelte die Stallmannschaft ein, kurz nachdem sie den Rettich fertig aufgeschnitten und gesalzen hatte. Erstaunt sahen sie ihr zu und lobten ihre Schneidetechnik. "Wo hast Du denn das gelernt?", wollte Karl wissen. Er war an vielem, was sie tat oder sagte, sehr interessiert und hatte immer einen gewissen Schalk in den Augen. Dies war ihr nicht entgangen.
"Diese besondere Art, den Rettich zu schneiden, habe ich von meiner Tante gelernt. Aber ohne Übung geht da gar nichts!", gab sie Karl mit einem Zwinkern zur Antwort. Somit hatten alle vier ihren Gesprächsstoff gefunden und kamen über das Schneiden des Rettichs vom Hölzchen aufs Stöckchen. Soviel gelacht wurde auf dem Rosenhof schon lange nicht mehr und die Entspannung war allen anzusehen.
Bevor sich Steffi verabschiedete und sich alle zurückzogen, verkündete Karl, dass er nur noch zwei Tage hier sein würde. Er musste bei der Projektvorstellung für einen Großkunden persönlich vor Ort sein. Jetzt erst wurde Mara bewusst, dass sie von Karl überhaupt nichts wusste, nur dass er in Hamburg wohnte. Die Sorge um Luis hatte alles überschattet. Konnte sie ihn nach seiner beruflichen Tätigkeit fragen? Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte: "An welchem Projekt arbeitest du denn?"
Karls Augen fingen an zu leuchten und es sprudelte nur so aus ihm heraus: "Ich habe das erste Mal als Elektroingenieur die Leitung und somit die gesamte Koordination einer Großbaustelle in punkto Elektrotechnik übernommen. Das bedeutete, dass ich für die Berechnung und Beschaffung der Kabel und Schaltkästen zuständig bin - alles nach den Plänen der Architekten natürlich. Außerdem kümmere ich mich um die Einteilung der Handwerker der unterschiedlichsten Gewerke vor Ort. Meine Präsenz ist notwendig, da der Bauherr, ein Unternehmen der Luftfahrt, so präzise wie möglich über den Zeitablauf und Fertigstellung informiert werden wollte. Viele Wochen habe ich daran gearbeitet, Gespräche geführt und Lieferketten überwacht. Nun bin ich trotz guter Vorbereitung dennoch sehr nervös."
Mara hatte sich noch nie Gedanken über Kabeldicke und -länge gemacht. Geschweige denn, dass man für die Elektrifizierung eines Gebäudes extra Pläne und Schaltkästen braucht. Von Volt und Watt hatte sie zwar im Physikunterricht etwas gehört, doch um welche Dimensionen es sich dabei handeln könnte, hatte sie nicht gewusst. Als sie Karl so zuhörte, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Karl sah Mara an, die sich bemühte, bei seinen Ausführungen mitzukommen, und fragte: "Überfordere ich dich gerade?"
"Schon etwas", meinte Mara. "Vielleicht musst du es mir noch mal ganz in Ruhe erzählen. Die Physikstunden sind schon lange her und Mathe ist so gar nicht mein Ding. Nichtsdestotrotz finde ich es überaus spannend, was man als Elektroingenieur alles wissen und organisieren muss. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Im Übrigen ist es sehr schade, dass du nur noch zwei Tage da sein wirst. Die Umstände haben es ja bisher nicht erlaubt, dass wir uns näher kennenlernen konnten. Hättest Du vielleicht doch noch Lust oder Zeit dafür? Ich war auch noch nie in einer Millionenstadt und in Hamburg schon gar nicht, obwohl mich der Norden und speziell die Nordsee immer schon sehr gereizt haben.
Karl schmunzelte in sich hinein und meinte: "Ich erzähle dir gerne aus meinem Leben. Heute habe ich noch einige Feinheiten abzustimmen, aber morgen könnten wir einen Waldspaziergang machen, wenn das Wetter es zulässt. Im Gehen redet es sich besonders gut, finde ich. Ich bin übrigens auch neugierig auf dein Leben und was dich überhaupt auf den Rosenhof verschlagen hat."
"Schön, dann freue ich mich auf morgen!" Mara lächelte Karl an, verabschiedete sich und ging hinüber ins Appartement. Sie wollte sich ausruhen, denn am nächsten Tag hatte sie mit Lara und Karl Stalldienst. Steffi würde sich unterdessen um das leibliche Wohl der Gemeinschaft kümmern. Als sie daran dachte, nickte Mara zufrieden. Es geht doch nichts über eine gute Organisation!
Innerlich fühlte sich die junge Frau etwas aufgekratzt. Dieses Kribbeln hatte sie schon sehr lange nicht mehr und ließ es einfach zu, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Sie setzte sich ans Fenster und ihr Blick verlor sich weit über die Wipfel der Bäume. Irgendwann bemerkte sie eine angenehme Bettschwere und legte sich schlafen...
Dies war der zwölfte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weiter geht es hier mit Teil 13
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Liebe Margaretha,
die „besondere Art, Rettich zu schneiden“ interessiert mich ganz besonders …
Ich mag Rettich sehr gern – obwohl er hier in Ostfriesland nicht leicht zu bekommen ist.
In Hessen hatte ich da mehr Glück – und geschnitten haben wir ihn immer mit einem Spiralschneider. Den hab ich auch hier noch …
Einen Spiralschneider habe ich nicht, liebe Lydia. Wie gut, dass ich Dir die Schneidetechnik im Zoom erklären konnte. Es geht ganz einfach mit dem Messer.
Liebe Margaretha,
ich freue mich sehr, dass es Luis zunehmend besser geht. Es war schon ein großer Schock aus dem letzten Teil, der vor allem am Ende für große Besorgnis sorgte…Nun wird es aber wieder leichter für alle Beteiligten und für zwei Menschen ja ganz besonders 🙂 Liebe Grüße, Lydia
Liebe Lydia,
ich freue mich sehr, dass Du Maras Leben auf dem Rosenhof verfolgst. Nach einem Schock beginnt immer ein neuer Abschnitt im Leben. Du darfst gespannt sein, wie es weitergeht.