Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...
Zwischen Entspannung und Angst
Am nächsten Morgen wachte Mara sehr früh auf. Es war noch dunkel und der Himmel sternenklar. Barry lag vor ihrem Bett und schnarchte leise vor sich hin. Mara fühlte sich jedoch ausgeschlafen und so stieg sie ganz vorsichtig über den großen Hund und öffnete das Fenster. Was für eine gute Morgenluft! Sie konnte den Unterschied zur Stadtluft deutlich riechen. Auch heute zogen wieder dichte Nebelschwaden über den Wald auf der gegenüberliegenden Anhöhe und erinnerten an die fortschreitende Herbstzeit.
Mara blickte in die Weite, einfach nur geradeaus, ohne an irgendetwas zu denken. Ihre Mutter sagte zu diesem Zustand immer, sie sei irgendwo im Nirgendwo. Sie liebte diesen Zustand. Er war ihr sehr heilig. Gerade am Morgen konnte sie sich darin verlieren. Doch plötzlich wurde sie durch den Schrei eines Käuzchens in die Gegenwart zurückgeholt. Jetzt war auch Barry wach und so beschloss Mara, sich für den Tag fertig zu machen.
Im Stall brannte schon Licht und heute freute sie sich sogar darauf, die Bauersleute zu überraschen. Lara entdeckte sie jedoch zuerst. Sie winkte und rief ihr zu, ob sie nicht schon das Frühstück herrichten möchte, sie seien fast fertig. Dass die Bäuerin so großes Vertrauen zu ihr hatte, löste ein großes Glücksgefühl in Mara aus und so tanzte sie über den Hof hinüber zum Haupthaus.
Im Kühlschrank fand sie alles, was sie für ein kräftiges Frühstück brauchten. Mara nahm sich Zeit, um den Tisch besonders schön einzudecken.
"Das ist mal ein Service! An den könnte ich mich sofort gewöhnen", sagte Lara, als sie in die Stube kam. Auch Luis war begeistert und bedankte sich.
"Steht heute etwas Besonderes an?", wollte Mara wissen, als sie mit dem Frühstück fertig waren. Für Luis stand Büroarbeit auf dem Programm und Lara meinte, sie könnte mit ihr noch einmal zu der Wiese gehen, wo Luis sie gefunden hatte. Mara hielt das für eine gute Idee. Von Lara bekam sie eine etwas wärmere Jacke und dann gingen sie los. Mara war zuversichtlich. Vielleicht gelang es ihr heute etwas mehr Licht in ihre Hirnwindungen zu bringen. In Laras Gesellschaft fühlte sie sich immerhin deutlich sicherer.
Plötzlich fiel ihr ein, dass sie Lara noch gar nicht nach ihrer gestrigen Arbeit im Wald gefragt hatte und plapperte munter darauf los. Jetzt war Laras Diplomatie gefragt und so berichtete sie nur vom Borkenkäfer, der Gott sei Dank nicht zu viel Schaden angerichtet hatte. Luis müsse jedoch zügig die befallenen Fichten schlagen, bevor sich die neue Brut auf Brautschau machte. Mara war sehr interessiert an dem Phänomen, von dem sie schon viel in den Medien gehört hatte. Nun konnte sie sich also mit einer echten Fachfrau darüber austauschen.
So erreichten die beiden Frauen den fragwürdigen Platz und setzten sich, wie Mara tags zuvor, in einiger Entfernung auf einen Baumstumpf. Dann verstummten sie gleichzeitig und ließen die Energie des Ortes auf sich wirken. Jede auf ihre Weise.
Nach einer halben Ewigkeit begann Mara zu sprechen, von ihrem Baum, den sie Lara beschrieb, damit auch diese ihn erkennen konnte.
"Was hat es denn mit dieser Tanne auf sich?", traute sich Lara zu fragen. Mara schloss kurz die Augen, um sich konzentrieren zu können und plötzlich erschienen vor ihrem inneren Auge Bilder aus ihrer Kindheit. Sie erzählte mit großer Freude von den Aufenthalten im Kinderheim und ihrer Freundin, eben dieser Tanne.
Lara konnte es kaum fassen: Sie kannte den von Mara beschriebenen Ort, er war ganz in der Nähe. Lara konnte sich aber nicht dazu durchringen, Mara das zu sagen. Sie war so froh, dass Mara sich überhaupt an irgendetwas im Zusammenhang mit ihrem Baum erinnern konnte. Das war sicherlich ein gutes Zeichen. Und auch, dass Mara so glücklich dabei aussah. Dabei wollte sie es im Moment belassen, um das Gehirn der jungen Frau nicht zu sehr zu strapazieren. Sie hatte einmal gelesen, dass sich eine Amnesie nur sehr langsam auflöst.
So führte sie Mara etwas tiefer in den Wald und zeigte ihr einige Stellen mit Heidel- und Preiselbeeren. Sie wollte nachschauen, ob die Früchte schon reif genug zum Einkochen waren. Schade, dass sie zuhause nicht daran gedacht hatte, sonst hätten sie gleich die ersten Beeren ernten können.
Mara war ganz begeistert und wollte unbedingt so schnell wie möglich wieder in diesen Beeren-Schlag. Wo das Auge hinsah, Beeren über Beeren. Auch der besonders intensive, modrige Waldbodengeruch befeuerte ihre Nase. Sie konnte nicht lange und tief genug einatmen. Wie lange war es her, dass sie diesen erdigen Duft erlebt hatte? Sie ließ den Molekülen noch etwas Zeit, sich zu manifestieren, um den Duft später nochmals abrufen zu können. Diese Methode hatte sie vor vielen Jahren in einem Workshop gelernt und wendete diese bei passenden Gelegenheiten immer wieder an. Dabei schloss sie die Augen und entspannte sich in den guten Duft hinein.
Als sie aus ihrem konzentrierten Zustand zurückkehrte und die Augen öffnete, war Lara aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Sofort stieg Panik in Mara auf. Was hatte Lara sich nur gedacht, sie hier im Unterholz alleinzulassen? Sie spürte, wie der Ärger langsam aus ihrem Unterbauch nach oben stieg, als sie Lara hinter einer Fichte hervorkommen sah.
"Gott sei Dank, da bist du ja! Ich hatte fast Panik bekommen, als ich dich nicht mehr sah", schleuderte sie Lara etwas forsch entgegen. Ihre Tonlage konnte sie in solchen Momenten nicht mehr kontrollieren. Es fiel ihr jedoch sofort auf und sie entschuldigte sich gleich dafür. Lara nahm die Sache gelassen: "Na ja, ich musste mal für kleine Mädchen", erklärte sie mit einem Lächeln. Beide mussten lachen.
Auf dem Rückweg zum Hof schwiegen sie, jede versunken in ihre Gedanken. Lara kam zu dem Entschluss, Mara bei passender Gelegenheit nach Anekdoten ihrer Ferienzeiten im Kinderheim zu fragen. Sie wollte endlich einmal mehr von diesem Heim zu erfahren, das zwar immer mal wieder Dorfgespräch war, über das jedoch niemand handfeste Informationen hatte.
Doch jetzt war es höchste Zeit, sich um das Mittagessen zu kümmern. Luis war Regelmäßigkeit im Tagesablauf sehr wichtig und in Laras Kopf entstand schon der Plan für die ihnen zur Verfügung stehende Zeit. Die Herbstzeit hatte ihre eigenen Gerichte und sie entschied sich spontan für Kässpatzen, ein Allgäuer Spezialgericht, das in jeder Küche à la maison zubereitet wurde.
Mara konnte dabei nicht helfen und so zog sie sich in das Appartement zurück. Was für ein Vormittag! Sie fühlte sich stark und energiegeladen wie schon lange nicht mehr. Das musste an der guten, erdigen Luft in Verbindung mit den Terpenen der Bäume liegen. Ein wahres Lebenselixier und kostenlose Medizin zugleich. Jetzt verstand sie auch, was es mit dem Waldbaden auf sich hatte, das zur Zeit in aller Munde war.
Sie vertrieb sich noch ein wenig die Zeit und blätterte in der Zeitschrift „Mensch und Natur“, die ihr Lara auf den Tisch gelegt hatte. Selbstverständlich versäumte sie nicht, pünktlich um 12:00 Uhr drüben im Hof zu sein.
Die Kässpatzen waren köstlich, nicht so trocken wie zuhause. Und auch der Käse hatte einen wunderbar würzigen Geschmack. Die frittierten Röstzwiebeln waren für Mara ungewohnt, aber umso schmackhafter empfand sie sie - in dieser Kombination hatte sie Kässpatzen noch nie gegessen. Also lobte sie Lara ganz besonders dafür.
Zum Abschluss gab es noch einen Espresso aus der Siebdruck-Kaffeemaschine. Ein ganz besonderer Genuss. Was für eine Mischung aus Allgäuer Esskultur und Italien! Mara bedankte sich aufs Neue für die überaus große Gastfreundschaft und zog sich dann zu ihrer obligatorischen Siesta zurück.
Als Mara außer Hörweite war, konnten die Bauersleute sich endlich in Ruhe austauschen. Luis berichtete, dass Tom angerufen hatte, um ihn über die Verhörfortschritte im Fall des aufgegriffenen Häftlings zu informieren. Von großer ermittlungstechnischer Relevanz wäre eine Gegenüberstellung mit Mara, die diesen Mann womöglich kannte. Sie sollten klären, inwieweit sich das realisieren ließe und Tom würde diesbezüglich auf seinen Rückruf warten.
"Jetzt haben wir ein großes Problem", meinte Lara. "Wie sollen wir Mara so schonend wie möglich an diese Sache heranführen, ohne ihre Gesundheit zu gefährden?"
Dies war der siebte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weiter geht es hier mit Teil 8
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Liebe Margaretha, Du spannst uns ja richtig auf die Folter.
Schon wieder eine Episode, die den Hunger auf mehr weckt.
Es ist spannend und bleibt spannend …. und jetzt hab ich Hunger auf Kässpatzen bekommen …
Ich glaub, ich geh mal kochen.
Danke für Deine schöne Fortsetzungsgeschichte – sie macht gute Laune und verbreitet sonnige Laune … mit ein bisschen Hintergrundspannung.
Liebe Lydia,
so ist das mit Geschichten, liebe Lydia und wie schön, dass Du Kässpatzen kochen kannst. Das ist nämlich eine Kunst und ich selbst habe lange gebraucht diese zu beherrschen. Nichtsdestotrotz immer ein willkommenes Mittagessen. Abends nicht unbedingt zu empfehlen. Auf dem Rosenhof wird es wirklich spannend!