Blick auf den Rottachspeicher im Allgäu. Im Hintergrund der Grünten, der "Wächter des Allgäus"

Was die Vergangenheit erzählt

von Margaretha Schedler | 9. Juni 2026 | 0 Kommentare

Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.

Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...


 

Die Gegenüberstellung

Auf dem Polizeirevier erwartete Tom sie schon. Sein charmantes Lächeln, das die Grübchen in seinen Wangen noch deutlicher in Szene setzte, nahm Mara die nun doch langsam aufsteigenden Ängste. Ruhig erklärte er ihr den Ablauf der Gegenüberstellung, die sich ähnlich gestaltete, wie sie es aus Krimis kannte. Lara und Steffi waren stets an ihrer Seite, was sich zusätzlich positiv auf ihr Nervensystem auswirkte.

Unerkannt und hochkonzentriert konnte sie sich auf das Auftreten der fünf Männer einlassen. Alle waren ungefähr gleich alt, etwa zwischen 65 und 70 Jahre. Mara beobachtete sehr genau einen nach dem anderen. Ihr Aussehen, aber auch ihre Körperhaltung und Mimik.

Bei Mann Nummer vier blieb ihr Atmen kurz stehen. Sie schloss die Augen, um sich noch besser konzentrieren zu können, doch sie war sich sicher: Sie täuschte sich nicht! Das war der Mann, der sie während ihrer Ausbildungszeit in Würzburg physisch und psychisch belästigt hatte. Seine Hände würde sie niemals vergessen.

Tom realisierte, dass sich Maras Körperspannung verändert hatte, und warf Steffi und Lara eindringliche Blicke zu. Auch Steffi hatte die Veränderung bemerkt und legte Mara vorsichtig ihre Hand auf die Schulter. "Möchtest Du eine kurze Pause machen?", fragte sie.

Doch Mara hatte sich schon wieder gefangen, bat nur um einen Stuhl und ein Glas Wasser. "Geht es?", fragte Tom.

Mara holte tief Luft und erklärte Tom, sie könne den Mann mit der Nummer vier eindeutig identifizieren. Ihn habe sie auf der Lichtung gesehen - und nicht nur das.

"Was meinst du damit?", wollte Tom wissen.

Maras Stimme versagte jedoch spontan ihren Dienst und Steffi schaltete sich in die Situation ein. "Könnte ich kurz alleine mit Mara sein?", bat sie. Lara hatte ihr am Vormittag von Maras Gefühlsausbruch und der kaum zu glaubenden Lebensgeschichte erzählt. Sie war sich ziemlich sicher, dass Mara den Mann mit der Nummer vier als ihren Peiniger von damals erkannt haben musste.

Als sie alleine waren, nahm Steffi Maras feuchte Hände und sagte mit ruhiger Stimme: "Ich weiß Bescheid. Lara hat mir erzählt, was du erlebt hast. Ich hoffe, du bist ihr nicht böse, dass sie es mir gesagt hat. Vermutlich brauchte auch Lara ein bisschen Entlastung in all dieser Aufregung."

Jetzt konnte Mara ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und Steffi nahm sie einfach in den Arm, wie Lara es tags zuvor getan hatte.

"Ich bin froh, dass du da bist", brach es aus Mara heraus. "Ich schäme mich so!"

"Dafür gibt es keinen Grund! Lara und ich sind für dich da. Du hast viel durchgemacht." Dann fragte sie, ob sie Tom wieder hereinbitten könne. "Wir sprechen auf dem Rosenhof weiter. Für die Polizeiarbeit ist nur wichtig, ob du einen der Männer erkennen konntest, mehr nicht."

Mara gab zu Protokoll, dass der Mann mit der Nummer vier besagte Person sei, die ihren Rucksack entwendet haben musste. Sie hatte ihn zwar nur aus einiger Entfernung gesehen, an sein schütteres Haar und den grauen Dreitagebart konnte sie sich jetzt aber wieder gut erinnern. Tom bedankte sich bei ihr und versprach, sie über die weiteren Entwicklungen des Vorgangs in Kenntnis zu setzen, so weit das möglich war. Dann verabschiedete er die drei Frauen und sie fuhren schweigend zum Rosenhof zurück.

Dort angekommen meinte Lara, sie bräuchte erst mal einen Kaffee und das Kopfnicken von Mara und Steffi deutete sie als willkommene Zustimmung. Nach ein paar Minuten brach es aus Mara heraus: „Wie kann es sein, dass dieses Monster ausgerechnet hier aufgetaucht ist? Wo war er die vergangenen Jahre inhaftiert gewesen? Hat er mich erkannt und wollte meinen Aufenthaltsort ausfindig machen? Hat er deshalb meinen Rucksack gestohlen?"

Mit großer Kraftanstrengung und Unterstützung ihrer Freundinnen hatte sie ihn vor fast zehn Jahren angezeigt und war Zeugin im Prozess, bei dem noch weitere Delikte sexualisierter und psychischer Gewalt verhandelt worden waren. Bei welcher Gelegenheit hatte er aus dem Strafregelvollzug ausbrechen können? Hatte er Freigang und das ohne Fußfessel? Konnte sie sich in ihrem Leben nie wieder sicher sein?

Fragen über Fragen. Gerade holte sie ihre Vergangenheit mit großer Wucht ein. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat glaubte sie im Schutz ihrer Familie Sicherheit und Ruhe gefunden zu haben... Und jetzt das!

Steffi ergriff als erste das Wort und fragte Mara, ob sie damals psychologische Unterstützung bekommen hatte. Diese verneinte.

"Das war ja mehr als fahrlässig! Vor diesem Hintergrund lässt sich Maras Amnesie sehr gut erklären. Schon der kleinste Trigger - hier waren es wohl die Gerüche - reichen in so einem Fall oft für ein Amoklaufen des Gehirns aus..."

"Stimmt." Lara nickte ernst. "Das ist ja eine extreme Stresssituation!" Besorgt schaute sie Mara an, die immer noch sehr verwirrt und ängstlich aussah. "Wisst ihr was? Während meiner Hebammenzeit habe ich mit energetischem Handauflegen bei herausfordernden Entbindungen gute Erfahrungen gemacht. Das ist eine spezielle Energiearbeit, die ich in der Schweiz während einer Fortbildung gelernt habe. Wäre das vielleicht auch etwas für Mara? Was meinst du, Steffi?"

"Davon habe ich auch schon gehört", meinte Steffi und an Mara gewandt: "Was meinst du? Ich würde einen Versuch unterstützen."

Zögerlich sah Mara von Lara zu Steffi und wieder zurück. "Das würde mir sicherlich guttun, ich bin immer offen für alternative Heilmethoden."

"Gut, dann haben wir eine Verabredung nach der Abendroutine im Seminarraum", meinte Lara. "Für solche Gelegenheiten habe ich eine mobile Massageliege." Dann verabschiedete sie sich zur Stallarbeit.

Steffi blieb noch ein Weilchen und sie plauderten über die jetzt merklich kürzer werdenden und kühleren Tage. Schließlich seufzte Steffi und stand auf. "Ich komme morgen wieder vorbei. Dann schauen wir, wie ich dir helfen kann, okay?" Dann machte sie sich auf den Heimweg.

Als Mara allein war, ging sie hinüber ins Appartement, legte sich auf die Couch und schaltete auf dem Smartphone eine geführte Meditation ein. Sich darauf zu konzentrieren half ihr immer nach besonders anstrengenden Herausforderungen. Und die vergangenen Stunden waren mehr als herausfordernd gewesen.

Im Stall wartete Luis schon voller Neugier auf Lara. Er hatte sich bewusst zurückgezogen. „Wie ist es bei der Polizei gelaufen?“, brach es aus ihm heraus. Lara berichtete ihm ausführlich. Luis hörte zu und sein Ausdruck wurde immer finsterer. Er war schockiert. Dass Mara vor einigen Jahren sexuellen Übergriffen ausgeliefert war, war schon schlimm genug. Aber dass nun ausgerechnet der entflohene Sträfling ihr Peiniger war, schlug dem Fass den Boden aus.

Nichtsdestotrotz war dies jetzt Stand der Dinge. Routiniert erledigten beide ihre Arbeit und die drei trafen sich dann zur Brotzeit. Luis sprach Mara sein großes Bedauern über die Situation aus und bekräftigte ihr: "Wir sind immer für dich da." Sein fester, aber auch sanfter Händedruck unterstrich seine Worte zusätzlich. Mara war sehr berührt und bedankte sich vielmals. Selten hatte sie so viel Empathie bei einem Mann erlebt.

Jetzt freute sie sich jedoch auf Laras Heilbehandlung. Im Seminarraum duftete es dezent nach Rosen - ein Diffuser in der Ecke sorgte dafür. Geschickt stellte Lara die Massageliege auf und bat Mara, sich daraufzulegen. Die leichte Decke sorgte für eine wohlige Wärme während der Behandlungszeit.

"Schließ bitte deine Augen und vertrau mir - mehr ist nicht nötig", bat Lara mit ihrer ruhigen und angenehmen Stimme. Mara war bereit und als sie nach fast einer Stunde wieder zu sich kam, konnte sie kaum glauben, dass es ihr gelungen war, so gut zu entspannen.

"Wie fühlst du dich?", fragte Lara. "Kannst du einen Unterschied zu vorher feststellen?"

Mara war noch ganz beseelt und meinte: "Ich fühle mich wie im siebten Himmel! Alles ist ganz locker und leicht. So ein fried- und freudvolles Gefühl hatte ich noch nie. Das ist großartig!"

Lara lächelte. "Wunderbar, dann war das die richtige Entscheidung nach einem solch herausfordernden Nachmittag. Am besten, du lässt der Energie jetzt Zeit, um gut nachwirken zu können und gehst zeitig schlafen. Morgen sehen wir weiter."

Mara bedankte sich noch einmal, wünschte Lara noch einen schönen Abend und eine gute Nacht und ging rüber ins Appartement. Als hätte er nur darauf gewartet, schloss sich Barry an. Gerade an Tagen wie diesen konnte er Mara nicht allein lassen. Und natürlich freute sich die junge Frau über ihren tierischen Geleitschutz. Mit ihm fühlte sie sich sicher und glücklich. Trotz all der schlimmen Gedanken und Erinnerungen. Sie war sich sicher: Jetzt würde sich alles einrenken.

Doch dann kam alles ganz anders...

 


 

Dies war der zehnte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weiter geht es hier mit Teil 11

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Margaretha Schedler mit Buch

Ich bin Margaretha Schedler und schreibe seit 2019 hier im

Lebensschatzkisten-Blog.

über mein gelebtes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Seit dem Tod unseres Sohnes im Jahr 2020 widme ich mich verstärkt dem Thema Tod und Trauer. Mein Maskottchen »„Guckamol“ ist dabei immer an meiner Seite.

Ich möchte Dich inspirieren damit du die Schätze deines Lebens erkennen und ein zufriedenes und glückliches Leben führen kannst. Auf meiner »Startseite und »„Über Mich“- Seite kannst Du mich näher kennenlernen.

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