Dieser Text ist Teil einer Fortsetzungs-Geschichte, die ich intuitiv und über eine längeren Zeitraum in Etappen geschrieben habe. Ermutigt von mehreren klugen Frauen in meinem Umfeld veröffentliche ich die Geschichte jetzt als Artikelserie auf meinem Blog. Alle Teile sind in der Kategorie Maras Geschichte gesammelt, du kannst sie darüber finden. Starte am besten mit Teil 1: Erwachen.
Wenn aus Gedanken Bilder werden, aus Bilder Texte und aus Texten wieder Bilder, dann beginnt das Leben zu leben...
Ein neues Leben
Mara kannte sich nicht mehr. Alles in ihr und um sie herum änderte sich. Sie hatte mit Karl noch schnell die Handynummern ausgetauscht, dann ging alles viel zu rasant und das Leihauto fuhr mit lautem Gehupe aus der Hofeinfahrt.
Karl war fort und doch immer da. Er war ständig in Maras Gedanken. Was blieb, waren der Kuss und die Schmetterlinge im Bauch, die wild durcheinanderflogen und Pirouetten drehten. Wie vom Blitz getroffen erkannte Mara: sie war verliebt!
Damit hatte sie so gar nicht gerechnet. Wie oft hatte sie sich gewünscht, einen gutaussehenden, intelligenten Mann in ihrem Alter zu finden? Und jetzt traf sie diesen Mann hier auf dem Rosenhof. Auf dem Rosenhof, aber auf Zeit. Jetzt war er wieder in Hamburg und sie im Allgäu. Tausende Kilometer entfernt. Mara musste sich erst einmal sortieren und zur Ruhe kommen, bevor sie mit Lara – mit wem sonst – darüber sprechen konnte.
Lara konnte es fast nicht mehr aushalten. Karl hatte ihr seine Liebe zu Mara anvertraut und jetzt wartete sie sehnsüchtig auf Maras Reaktion. Sie beobachtete Mara heimlich und war sich fast sicher: Wenn ihre Mutterinstinkte sie nicht täuschten, konnte sie in Maras Augen immer wieder deutliche Zeichen von gewisser Abwesenheit erkennen. Solche Abwesenheit, die nur Verliebte haben. Doch sie musste warten.
Wie gut, dass die Hofarbeit sie ablenkte und Luis in der Reha gute Fortschritte machte. Einer termingerechten Entlassung stand nichts im Wege. Nichtsdestotrotz hatte sie sich schon an den Bauernverband gewandt und um die Zuteilung eines Hofhelfers gebeten. Es würde sicherlich noch mehrere Monate dauern, bis Luis wieder voll einsatzfähig sein würde. Mit einem Herzinfarkt ist nicht zu spaßen.
Außerdem musste sie den Aufenthalt von Mara auf dem Rosenhof klären. Es war schon sehr befremdlich, dass ihre Eltern sie nicht vermissten, immerhin arbeiteten sie doch zusammen. Gab es eventuell einen größeren Konflikt, von dem sie nichts wusste? Da sich die Umstände nach Maras überstandener Amnesie überschlagen hatten, war weder Zeit noch Kraft vorhanden gewesen, darüber nachzudenken.
Lara war so froh und dankbar für Maras helfenden Hände und ihre Bereitschaft, sich überall einzubringen. Und jetzt kam auch noch die Liebe zwischen Mara und Karl dazu! Eigentlich wunderte Lara sich nicht, denn die beiden passten wirklich gut zusammen. Sie wollte einfach abwarten, was sich daraus ergeben würde. Aber eins war sicher: Auf Lara kamen spannende Zeiten zu.
Als erstes kam Emmas erstes Kälbchen zur Welt. Lara hatte als Kuh-Hebamme gut zu tun und Mara musste ihr assistieren. Ausgerechnet zur Geburt war kein Mann auf dem Hof und Steffi war nach Hause gefahren. Schon wieder eine neue Herausforderung!
Mara hatte in ihrem halbjährigen Praktikum, das Voraussetzung für ihre Aufnahme an der Kinderkrankenpflegeschule der Uni Würzburg war, auf einer Entbindungsstation gearbeitet und war dort bei mehreren Geburten dabei gewesen. Doch die Geburt einer jungen Kuh, einer Färse, war eine andere Hausnummer. Wie gut, dass sie keine Berührungsängste mehr hatte und dass Lara präzise Anweisungen gab.
Alles ging gut. Die Plazenta war vollständig und ordnungsgemäß entsorgt, die Geburtszeit notiert und die Ohrenmarken gesetzt. Das schönste war jedoch, dass Mara dem weiblichen Kälbchen einen Namen geben durfte. Sie taufte es Lisa und es wurde zu ihrem ganz besonderen Liebling. Die weißen, symmetrischen Flecken in ihrem Gesicht ließen sogar ein Lächeln erkennen. Ganz zu schweigen von den wunderschönen großen braunen Augen. Einfach nur süß!
Auch der Tierarzt war nach der Erstuntersuchung sehr zufrieden und die beiden Frauen konnten endlich mit einem Glas Prosecco auf Lisa anstoßen. Was für ein schönes Ereignis! Mara schoss der Gedanke durch den Kopf, sie könne sich an die Arbeit auf dem Hof gewöhnen. Diesen Gedanken erlaubte sie sich aber nur kurz. Fast im selben Augenblick verwarf sie ihn wieder. Das ist doch Quatsch, dachte sie, was wollte sie denn auf einem Bauernhof? Ihre Eltern waren ohne sie im Geschäft aufgeschmissen. Oder stimmte das gar nicht?
Gerade dieser Baustein stand in ihrem Leben gerade zur Disposition und es gab diesbezüglich mehrere massive Auseinandersetzungen mit den Eltern, in die sich zusätzlich auch noch die Großmutter einmischte. Das war des Guten zu viel. Mit Streitigkeiten konnte sie noch nie gut umgehen und über ihre berufliche Zukunft hatte sie sich bis zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken gemacht. Alles lief in guten Bahnen.
Warum sie auf einmal Mitgesellschafterin werden sollte und noch dazu zu Bedingungen, die sie unverändert zu akzeptieren hatte, verstand sie nicht. Die Streitigkeiten hatten sich immer mehr zugespitzt und dass sie dann nahezu vor vollendete Tatsachen gestellt worden war, brachte das Fass zum überlaufen.
Deshalb war sie aufs Land an den Ort ihrer Kindheit gefahren, den sie so sehr liebte und der ihr die Freiheit gab, über ihr Leben nachzudenken. Dass sie hier auf einem Bauernhof landen würde, hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Doch nun war es eben so. Es bleib ihr nichts anderes übrig, als den Tatsachen ins Auge zu sehen und Klarheit zu schaffen. Das konnte sie; auch diese Eigenschaften prägten ihre Persönlichkeit.
Mara nahm sich für den nächsten Tag vor, mit Lara über ihre Zukunft zu sprechen. Für heute hatte sie genug zu verarbeiten. Die körperliche Anstrengung bei Emmas Geburt machte sich langsam bemerkbar und so zog sie sich gleich nach dem Abendessen zurück. Lara hatte noch etliche Formalitäten bezüglich Lisa zu erledigen und war dankbar über den Raum, den sie nun dafür hatte.
Lange Zeit konnte Mara nicht einschlafen. Die Ereignisse der letzten Tage wirbelten in ihrem Kopf herum wie die Wäsche im Schleudergang. Sollte die Geburt des Kälbchens vielleicht mehr bedeuten als ein Abenteuer? Stand dieses neue Leben sinnbildlich für einen Neuanfang auch für sie? Könnte sie sich tatsächlich eine Arbeit in der Landwirtschaft vorstellen oder spielten ihr ihre Nerven einen Streich?
Vor ihrer Flucht aus dem familiären Konstrukt war es völlig absurd und undenkbar gewesen, auch nur den leisesten Gedanken an einen beruflichen Neustart zu verschwenden. Außerdem verband sie mit der Landwirtschaft bis dato nur Schwerstarbeit und üble Gerüche. Doch die Realität lehrte sie etwas anderes und sie spürte bei dem Gedanken, ihr Leben in diese Richtung neu zu denken, ein freudiges Kribbeln in der Magengegend. Dieses gute Gefühl nahm sie mit in die Nacht und übergab es der göttlichen Fügung.
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Auch der kommende Tag begann mit einer Überraschung. Während der morgendlichen Stallarbeit streikte plötzlich der Melkstand. Die elektronische Erfassung jeder Kuh und somit die Aufzeichnungen ihrer Milchleistung funktionierte nicht mehr. Das ohrenbetäubende Piepsen war trotz Neustart nicht abzustellen. Gott sei Dank standen nur noch wenige Kühe in der Warteschleife und Lara wusste sich zügig zu helfen. Sie trieb die Kühe zurück in ihre Boxen, nahm den Strom des Melkstandes vom Verteiler und wies Mara im Schnelldurchlauf in die Kunst des Handmelkens ein. Was für eine Herausforderung!
Aber sie schafften es, alle verbliebenen Tierdamen zu erleichtern und die Milch ordnungsgemäß im Tank zu deponieren. Zum Glück kam das Milchauto an diesem Tag erst nach dem Abendmelken, sodass es keinen Zeitdruck gab.
Mara bewunderte Lara für ihren professionellen Umgang mit unvorhersehbaren Situationen. Ihre Ruhe und Besonnenheit übertrug sich auf Mara und löste ein Gefühl von Geborgenheit aus. Eine völlig neue Erfahrung. Bisher waren außergewöhnliche Situationen in ihrem Leben immer mit Hektik und Stress verbunden gewesen.
Während des Frühstücks meinte Lara, es könne sein, dass sie auch abends die Kühe mit der Hand melken müssten, da der Kundendienst des Melkstandes sehr ausgelastet sei und man ihr keinen konkreten Reparaturtermin hatte nennen können. Sicherheitshalber hatte sie schon Tom kontaktiert. Dieser wollte einen Freund, der auch mit der Stallarbeit vertraut war, mitbringen. Somit waren sie gut vorbereitet.
Mara bot sich an, fürs Mittagessen zu sorgen, damit Lara etwas durchatmen und die zusätzliche Schreibarbeit für die Statistik der Milchleistung zeitnah aktualisieren konnte.
Das schenke Mara längere Zeit mit sich selbst und sie konnte ihren Gedanken freien Lauf lassen. Sie dachte an ihre Bewusstlosigkeit und die anschließende Amnesie, die Auslöser für ihren Aufenthalt auf dem Rosenhof gewesen waren. Sie dachte auch an die ereignisreichen Tage seitdem, und an die Menschen, die sie hier kennengelernt hatte.
Vermissten ihre Eltern sie eigentlich nicht? Sie war in Unfrieden gegangen und wollte eigentlich nur in Ruhe über ihr weiteres Leben nachdenken. Sehnsucht nach ihrer Arbeit und der Familie? Fehlanzeige! Lara hatte sie auf ihr Leben bisher auch nicht angesprochen. Und jetzt kamen noch die Gefühle für Karl dazu, ganz abgesehen von der Idee eines beruflichen Neustarts in der Landwirtschaft.
Ein bisschen viel Durcheinander auf einmal. Das musste sie sich zugestehen. Doch was tun, sprach Zeus?
Dies war der vierzehnte Teil meiner Fortsetzungs-Geschichte rund um Mara. Weitere Teile werden nach und nach veröffentlicht.
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Liebe Margaretha, gerade habe ich Maras Geschichte weitergelesen. Es ist und bleibt spannend! Ich freu mich schon auf den nächsten Teil. Herzliche Grüße Angelika
Das freut mich sehr, liebe Angelika. Gerade aus dem Munde einer Autorin. Wie schön, dass Du Mara begleitest.